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Der Deutsche Qualifikationsrahmen

Für den Deutschen Qualifikationsrahmen DQR ist bisher das formale System zentrale Leitlinie, das Hochschul- und das Berufsbildungssystem prägen mit ihren Abschlüssen die Stufung. Andere Leistungsbereiche unserer Gesellschaft (Sport, Kunst etc.) bleiben unberücksichtigt genauso wie auch weite Teile des Bildungssystems (im Besonderen auch die Weiterbildung und die außerschulische Jugendbildung) nicht ausreichend durch den DQR abgebildet werden. Doch auch die Stufung ist in sich anfechtbar, weil das zugrunde gelegte Ranking auf Macht, auf Tradition und auf Konvention beruht, nicht auf einem gezielten Leistungsvergleich. Warum ist eigentlich ein Bachelorabschluss höherwertig als die mittlere Qualifikation „Bankfachwirt“? Warum wird der Abschluss der Tankwartausbildung auf die gleiche Stufe gestellt wie der Abschluss als Energieanlagenelektroniker?

Ausgangspunkt der Überlegungen ist der Europäische Qualifikationsrahmen (EQR). Er enthält eine „Zuordnungsmatrix“, die acht Niveaustufen mit drei Lernergebnisbereichen (learning outcomes) kombiniert; diese sind: Kenntnisse, Fertigkeiten und Kompetenzen (vgl. Europäisches Parlament 2008, S. 5f.). Für jedes Matrixfeld werden Deskriptoren formuliert, die eine möglichst genaue Einstufung des Kompetenzniveaus von Personen ermöglichen.

Der erste Entwurf des Deutschen Qualifikationsrahmens liegt seit dem Februar 2009 als Ergebnis der Arbeit des „Arbeitskreises Deutscher Qualifikationsrahmen“ vor. Dieses Gremium steht unter dem gemeinsamen Vorsitz des BMBF und der Kultusministerkonferenz und ist vor allem mit Vertreterinnen und Vertretern des formalen Bildungssystems besetzt (z.B. Hochschulrektorenkonferenz, Wissenschaftsrat, Deutscher Industrie- und Handelskammertag, Zentralverband des Deutschen Handwerks, Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände, Kuratorium der Deutschen Wirtschaft für Berufsbildung, Deutscher Gewerkschaftsbund). Die Weiterbildung ist durch die Konzertierte Aktion Weiterbildung bzw. den Deutschen Volkshochschul-Verband vertreten.

Der DQR nimmt das Grundkonzept des EQF auf, variiert es aber auch in entscheidenden Punkten. Als Zielstellung formuliert der Arbeitskreis Deutscher Qualifikationsrahmen durchaus auf einer Linie mit dem EQR (2009, S. 3):

Als nationale Umsetzung des EQR soll der DQR die Besonderheiten des deutschen Bildungssystems berücksichtigen und zur angemessenen Bewertung und zur Vergleichbarkeit deutscher Qualifikationen in Europa beitragen. Er leistet einen Beitrag zur Förderung der Mobilität von Lernenden und Beschäftigten zwischen Deutschland und anderen europäischen Ländern im Sinne bestmöglicher Chancen. Zugang und Teilnahme am lebenslangen Lernen und die Nutzung von Qualifikationen sollen für alle – auch für benachteiligte und von Arbeitslosigkeit betroffene Menschen – gefördert und verbessert werden.

Der DQR hält auch die auch Niveaustufen des EQR bei, arbeitet aber mit einem anderen Kompetenzbegriff und unterscheidet die Lernergebnis- bzw. Anforderungsstruktur mit anderen Kategorien. Unterschieden werden zwei Hauptkategorien, die sich jeweils in zwei Unterkategorien aufspalten: Fachkompetenz mit „Wissen“ und „Fertigkeiten“ und personale Kompetenz mit „Sozialkompetenz“ und „Selbstkompetenz“. Methodenkompetenz wird als integraler Bestandteil dieser vier Dimensionen verstanden.

Mit diesen Strukturvorgaben sind dann die 32 Deskriptoren formuliert worden, mit deren Hilfe die Zuordnungen von Kompetenzen bzw. Qualifikationen vorgenommen werden sollen. Im Folgenden wird am Beispiel der Niveaustufe 4 („Über Kompetenzen zur selbstständigen Planung und Bearbeitung fachlicher Aufgabenstellungen in einem umfassenden, sich verändernden Lernbereich oder beruflichen Tätigkeitsfeld verfügen“) (ebd., S. 9) das Verfahren exemplarisch dargestellt:


Wissen
Über vertieftes allgemeines Wissen oder über fachtheoretisches Wissen in einem Lernbereich oder beruflichen Tätigkeitsfeld verfügen.

Fertigkeiten
Über ein breites Spektrum kognitiver und praktischer Fertigkeiten verfügen, die selbstständige Aufgabenbearbeitung und Problemlösung sowie die Beurteilung von Arbeitsergebnissen und -prozessen unter Einbeziehung von Handlungsalternativen und Wechselwirkungen mit benachbarten Bereichen ermöglichen. Transferleistungen erbringen

Sozialkompetenz
Die Arbeit in einer Gruppe und deren Lern- oder Arbeitsumgebung mitgestalten und kontinuierlich Unterstützung anbieten. Abläufe und Ergebnisse begründen. Über Sachverhalte umfassend kommunizieren.

Selbstkompetenz
Sich Lern- und Arbeitsziele setzen, sie reflektieren, bewerten und verantworten

DQR-Deskriptoren für Niveau 4


In der zweiten, zurzeit noch nicht abgeschlossenen Erarbeitungsphase des DQR sollen Qualifikationen des deutschen Bildungssystems bereichsübergreifend in Beziehung gesetzt werden. Diese Aufgabe haben vier Expertengruppen aus den Berufs- bzw. Tätigkeitsfeldern „Metall/Elektro“, „Handel“, „Gesundheit“ und „IT-Bereich“ übernommen. Es geht dabei darum, exemplarisch die Handhabbarkeit des DQR zu erproben und ggf. Verbesserungsmöglichkeiten zu entdecken. Aktuell liegen die Ergebnisse noch nicht öffentlich vor.

Eine weitere Gutachtergruppe hat die Möglichkeiten, Ergebnisse des informellen Lernens zu berücksichtigen, geprüft (vgl. Dehnbostel/Seidel/Stamm-Riemer 2010). Die Expertise kommt zu dem Ergebnis, dass die gleichgewichtige Einbeziehung von informell und non-formal erworbenen Kompetenzen das formale System Deutschlands vor eine Herausforderung stellt. Die Ausgestaltung eines Anerkennungssystems verlange eine grundsätzliche Richtungsentscheidung, die im Prinzip auf drei Möglichkeiten setzen könne: Das formale System bleibt Maßstab und Richtschnur („systemimmanente Lösung“), es wird ein Parallelsystem zum formalen System mit einer eigenen Anerkennungslogik installiert, oder beide Bereiche werden über eine konsequente Kompetenzorientierung integriert (vgl. ebd., S. 56).

Mit Blick auf die Ausgangsfrage der Expertise stellen die Gutachter fest:

Die Orientierung und Subsummierung des informellen Lernens unter die Regeln und Standards des formalen Bildungs- und Berechtigungssystems negiert in der Konsequenz die Anerkennung der mit dem informellen Lernen verbundenen Chancen und Kompetenzzuwächse (ebd., S. 56f.).

Die Fragen nach der Vergleichbarkeit auf der nationalen und auf der europäischen Ebene lassen sich nur beantworten, wenn über einen Äquivalenzmaßstab nachgedacht wird. Welches ist die „gemeinsame Währung“, die Qualifikationen und Kompetenzen vergleichbar macht? Ist es die Länge des Ausbildungsweges (workload), die Exklusivität der Leistung, die gesellschaftliche Wertschätzung oder etwas Anderes? Diese Fragen bleiben vorerst offen.


Quelle: Dieter Gnahs, Der Deutsche Qualifikationsrahmen, DIE FAKTEN, Juli 2010


Sie können den Artikel als pdf-Datei beim Deutschen Institut für Erwachsenenbildung herunterladen.


Schlagworte zu diesem Beitrag: Deutscher Qualifikationsrahmen, Lebenslanges Lernen
Dieser Beitrag wurde zuletzt aktualisiert am 26.07.2010

Quelle: www.netzwerk-weiterbildung.info
Druckdatum: 14.10.2019