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Arbeiterkinder an der Uni: Hürdenlauf zum Akademiker

Arbeiterkinder bringen im Studium ebenso gute Leistungen wie ihre Kommilitonen. Dabei haben sie es aber deutlich schwerer. Sie bekommen weniger Unterstützung von Zuhause, müssen häufiger Geld verdienen und werden auch von den Professoren seltener gefördert.

Wer aus einer Arbeiterfamilie kommt, schafft es seltener an eine Uni. Selbst nach der Einschreibung ist der Hürdenlauf noch nicht beendet. Das macht eine Studie der Konstanzer Hochschulforscher Holger und Tino Bargel für die Hans-Böckler-Stiftung deutlich. Die Hindernisse für Arbeiterkinder an den Hochschulen müssen "als groß und folgenreich für das Studium eingeschätzt werden", schreiben die Wissenschaftler. Ihre Auswertung des Forschungsstandes zur Chancengleichheit zeigt: Ein niedriger ökonomischer Status der Eltern ist an Universitäten und Fachhochschulen ein erheblicher Nachteil; ebenso schwer wirkt sich nur noch eine körperliche Behinderung aus. Mit dem Bologna-Prozess und der zunehmenden Internationalisierung dürfte sich die Benachteiligung nochmals verschärfen. Darum mahnen die Autoren mehr Anstrengungen für Chancengleichheit an.


Unsichere Entscheidung
Die Nachteile für Arbeiterkinder beginnen den Forschern zufolge schon, ehe die jungen Leute erstmals einen Hörsaal betreten. Das Studium ist für sie keine Selbstverständlichkeit, sondern ein Wagnis; ihre Eltern nehmen es als Schritt in eine fremde Welt wahr. Folglich leitet das Sicherheitsmotiv viele Entscheidungen von Bildungsaufsteigern. Tendenziell bevorzugen sie "kürzere, strukturiertere und anwendungsbezogene Studiengänge, die über ein praktisches, zugäng¬≠liches Berufsbild verfügen", so die Studie. Einen großen Einfluss auf ihren Bildungsweg könnten die Auswahlverfahren bekommen, die etliche Hochschulen derzeit einführen. Arbeiterkinder schneiden dabei regelmäßig schlechter ab, denn sie verfügen über weniger Selbstsicherheit und sind im Sich-Selbst-Präs¬≠entieren nicht so geübt. Das dürfte die soziale Selektion nochmals erhöhen, warnen die Experten. Die Motivation für das Studium, ob jemand mehr Geld verdienen oder sich in erster Linie bilden will, unterscheiden sich nicht nach der sozialen Herkunft.


Prekäre Finanzen
Haben Vater oder Mutter ebenfalls eine Hochschule besucht, dann gehen die Kinder mit einer "beträchtlich besseren Grundlage" ins Studium, so Holger Bargel und Tino Bargel. Zwei Drittel aus dieser Gruppe können sich ganz auf das Geld der Eltern verlassen. Unter den Kindern ungelernter Arbeiter sind gerade mal 15 Prozent in dieser Situation, vom Nachwuchs der Handwerksmeister 20 Prozent. Hinzu kommt: Die Hilfe der Eltern lässt oft im Laufe des Studiums nach, darum tauchen Geldprobleme verstärkt in der Spätphase der Ausbildung auf.

Das BAföG trägt dem Finanzbedarf nicht Rechnung. Heute können weniger Studierende ihre Ausbildung hauptsächlich durch das BAföG finanzieren als noch 1993. Etwa jedes zweite Arbeiterkind an Uni oder Fachhochschulen bekommt BAföG; 1993 waren es 63 Prozent. Die Forscher sprechen von "einem eindeutigen Rückschritt im Bemühen um soziale Chancengleichheit". Der Staat hat in den vergangenen beiden Jahrzehnten stark zulasten der Aufstiegschancen durch Bildung gespart. Dabei könne eine richtig ausgestattete Ausbildungsförderung im Prinzip "außerordentlich bedeutsam für das Studium von Bildungsaufsteigern und insbesondere von Arbeiterkindern" sein.


Studieren und zusätzlich arbeiten
Zwei von drei Kindern kleiner Angestellter, Facharbeiter und Meister müssen zusätzlich zum Studium Geld verdienen. Vom Nachwuchs höherer Beamter oder akademischer Freiberufler ist nur jeder Dritte darauf angewiesen. Wer sich selbst finanzieren muss, verbringt zwei komplette Tage pro Woche mit Arbeiten. Für diese Studierenden verursacht das Bachelor-Programm mit seinem engen Stundenplan und regelmäßigen Tests erhebliche Probleme. Die Forscher warnen vor einer neuen sozialen Schieflage: Man schafft eine Situation, in der junge Leute arbeiten müssen, lässt ihnen aber nicht die Zeit dazu. Die Behauptung, die Studierenden arbeiteten nur für Luxusgüter, übersieht die Unterschiede in den Lebenslagen. Auf manche angehenden Akademiker mag der Vorwurf zutreffen, er diskriminiert aber viele Arbeiterkinder.


Gleiche Leistungen, ungleiche Chancen
Trotz zahlreicher Nachteile: Die Noten von Arbeiterkindern sind nicht schlechter als die ihrer Kommilitonen. Sie brechen das Studium auch nicht häufiger ab. Allerdings erweist sich der Übergang vom Bachelor- zum Masterstudium für sie zunehmend als Problem. Viele Unis sehen inzwischen an dieser Stelle ein erneutes Auswahlverfahren vor. Die Kandidaten müssen sich wieder bewerben und präsentieren, das fällt Arbeiterkindern auch an der Stelle nicht leicht. Es spreche viel dafür, so die Studie, "dass beim Übergang in ein Masterstudium eine erhebliche soziale Schieflage eintreten wird". Die Wissenschaftler raten, gerade hier auf Chancengleichheit zu achten. Und auch beim Auslandssemester hängen die Chancen von der Herkunft ab: "Für Akademikerkinder ist ein Auslandsaufenthalt zum Spracherwerb oder zum Studieren nahezu zur Selbstverständlichkeit geworden", für Arbeiterkinder gelte das nicht. Die Experten schlagen deshalb eine bedarfsabhängige Förderung für den internationalen Austausch vor.


Anonym und kaum unterstützt
Die Anforderungen an der Uni belasten jeden vierten Studierenden, egal aus welcher Familie. Bei anderen subjektiven Einschätzungen und Problemen im Studium spielt der gesellschaftliche Hintergrund dagegen eine Rolle: Die Anonymität an der Hochschule macht dem Nachwuchs aus Arbeiterfamilien doppelt so stark zu schaffen wie anderen. 20 Prozent der Arbeiterkinder fällt es schwer, sich fachlich im Studium zurechtzufinden - unter den Kommilitonen aus einer Akademikerfamilie sind es nur 11 Prozent. Der Untersuchung zufolge hemmt ihre gesellschaftliche Unsicherheit Arbeiterkinder im Universitätsmilieu. Sie tun sich schwerer, bei Diskussionen das Wort zu ergreifen und auf sich aufmerksam zu machen. Darum fällt ihre Leistungsfähigkeit seltener auf, sie kommen nicht so oft in die Auswahl für eine Tutoren- oder Hilfskraftstelle. Selbst für eine etwaige Promotion spielt das eine Rolle: Absolventen aus der Arbeiterschaft erwägen nur halb so oft eine Doktorarbeit wie ihre Kommilitonen, und das liegt auch an mangelnder Förderung durch die Professoren.


Förderung ohne Bedarf, Bedarf ohne Förderung
Studierende aus bildungsfernen Familien benötigen besondere Unterstützung, finanziell wie ideell. Paradoxerweise werden jedoch gerade sie seltener gefördert als andere. Das von der Bundesregierung geplante bundesweite Stipendienprogramm soll nicht nach Bedarf vergeben werden, sondern nach Noten. Und auch die bereits existierende Begabtenförderung nimmt sich nicht vorrangig der Bedürftigen an: 71 Prozent der Geförderten stammen aus Akademikerfamilien. Das werde in der Öffentlichkeit oft damit begründet, dass Arbeiterkinder schlechtere Leistungen bringen, so die Studie. Dabei stellen die Konstanzer Experten klar: Es gibt keinen wissenschaftlichen Befund, der diese These stützt.


Der Übergang in den Beruf
Bis zum Schluss der Ausbildung macht sich die soziale Herkunft bemerkbar, schreiben Holger und Tino Bargel. Arbeiterkinder leiden stärker unter unsicheren Berufsaussichten, weil sie auf "weniger Unterstützung aus ihrem sozialen Milieu beim Übergang auf den Arbeitsmarkt" zählen können. Für sie hat die Berufsperspektive im Studium eine wichtige Ankerfunktion. Die Unsicherheit bremst die Studienmotivation und erschwert die Identifikation. Darum sind Hilfen der Hochschulen beim Übergang in den Beruf nötig. Angesichts der vielfältigen Probleme halten die Autoren mehr Anstrengungen für Chancengleichheit an den Hochschulen für nötig. Sie regen analog zum Gender-Mainstreaming ein Social-Mainstreaming an den Unis und Fachhochschulen an.


Quelle: Böckler Impuls 07/2010

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Dieser Beitrag wurde zuletzt aktualisiert am 12.05.2010

Quelle: www.netzwerk-weiterbildung.info
Druckdatum: 14.10.2019