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Die Arbeiten am Deutschen Qualifikationsrahmen (DQR) sind ausgesetzt - Hochschulen fordern kompletten Neustart

Der Erarbeitungsprozess für den Deutschen Qualifikationsrahmen (DQR) ist ins Stocken geraten. Die vier Arbeitsgruppen, die den DQR auf seine Praxistauglichkeit untersuchen, haben zunächst - auf Antrag der Gewerkschaften und Arbeitgeberverbände - ihre Arbeit unterbrochen. Sie verlangen von der Kultusminister-Konferenz (KMK), dass diese darlegt und begründet, auf welchen Niveaustufen die allgemeinbildenden Abschlüsse angesiedelt werden sollen. Alle vier Gruppen wollen prüfen, ob ihr Zuordnungskonzept noch stimmig ist, wenn z.B. das Abitur der Niveaustufe fünf zugeordnet ist. Nicht nur die Schulen machen Ärger, sondern auch die Hochschulrektorenkonferenz: Sie verlangen gar, die Erarbeitung des DQR in seiner jetzigen Form sofort abzubrechen. Im Interview mit WAP erläutert Hermann Nehls, vom DGB Bundesvorstand und gewerkschaftlicher Koordinator im DQR-Prozess, wie der Stand der Arbeiten ist und wo es derzeit hakt.

Arbeitgeber und Gewerkschaften haben ihre Mitarbeit beim DQR in den vier eingesetzten Arbeitsgruppen (IT, Metall- und Elektro, Gesundheit, Handel) ausgesetzt. Was ist passiert?

Die Gewerkschaften und Arbeitgeber haben immer schon gefordert, dass die Kultusminister-Konferenz (KMK) ihre Vorstellung zur Zuordnung allgemeinbildender Abschlüsse mit in die Diskussion einbringt. Es hat sich in den Arbeitsgruppen gezeigt, dass die Zuordnung allgemeinbildender Abschlüsse durchaus wichtig ist für die Frage, wo am Ende die Zuordnung der BBiG-Berufe in einem Deutschen Qualifikationsrahmen vorgenommen werden soll. Die KMK hat sich über Monate geweigert, sich konstruktiv an dem 2. Erarbeitungsprozess zu beteiligen.

Sie hatte dann zugesagt, ihre Vorstellungen in die letzten Arbeitsgruppensitzungen einzubringen. Das ist aber nicht passiert. Wir haben die Gefahr gesehen, dass die Arbeit in den vier Arbeitsgruppen mit Vorschlägen für die Zuordnung von BBiG-Berufen abgeschlossen wird und die KMK dann im Nachhinein sagt, wie die Zuordnung der allgemeinbildenden Abschlüsse aussehen soll. Konkret geht es um die Frage, auf welchem Niveau das Abitur zugeordnet werden soll.

Was sind die Hintergründe dafür, dass die KMK sich nicht an die getroffenen Vereinbarungen hält?

Es könnte sein, dass die KMK es aus innerorganisatorischen Gründen nicht geschafft hat, sich rechtzeitig zu positionieren. Eine andere Interpretation könnte sein, dass die KMK bewusst ihre Vorstellungen zurückgehalten hat, um die Akteure der Berufsausbildung erst einmal dazu zu bringen, Vorschläge zu machen. Damit wäre auch klar, wer die Federführung in diesem Verfahren hat:

Die KMK könnte sich am Ende immer noch vorbehalten, wie die Zuordnung vorgenommen wird. Das ist aus unserer Sicht nicht akzeptabel. Wir gehen von einem bildungsbereichsübergreifenden Deutschen Qualifikationsrahmen aus, der konsensual zwischen allen Akteuren diskutiert und erarbeitet wird.

Gehören die allgemeinbildenden schulischen Abschlüsse in ein DQR?

Da wir einen Qualifikationsrahmen - und keinen Qualifizierungsrahmen - entwickeln wollen, ist es erst einmal schwierig nachzuvollziehen, warum allgemeinbildende schulische Abschlüsse überhaupt in einem Deutschen Qualifikationsrahmen enthalten sein sollen. Um einen bildungsbereichsübergreifenden Rahmen zu entwickeln, brauchen wir aber die Zuordnung allgemeinbildender Abschlüsse.

Der Ansatz des DQR liegt ja gerade darin, die Versäulung der Bildung in der Bundesrepublik Deutschland zu überwinden, Durchlässigkeit und vor allem auch Gleichwertigkeit zwischen allgemeinbildenden und beruflichen Qualifikationsprofilen darzustellen. Trotzdem bleibt natürlich die Frage, wie viel Handlungskompetenz allgemeinbildende schulische Abschlüsse vermitteln.

Ist der Eindruck richtig, dass sich zunehmend Widerstand auch bei den Hochschulen gegen die jetzige Fassung des DQR organisiert?

Ja, das ist der Fall. Vor wenigen Tagen hat die Hochschulrektorenkonferenz getagt und eine Erklärung verabschiedet. Bei dieser Erklärung läuft es im Kern darauf hinaus, das gesamte Erarbeitungsverfahren des Deutschen Qualifikationsrahmens in Frage zu stellen und einen aus Sicht der Hochschulen notwendigen neuen Ansatz zu entwickeln. Ich denke, dass es der Hochschule vor allem darum geht, die Zuordnungshoheit für die Niveaus 6,7, und 8 zu behalten. Sie machen es vor allen Dingen daran fest, dass die DQR Matrix zu sehr die Handschrift der Berufsbildung trägt und die Wissenschaft nicht ausreichend repräsentiert sei.

Das Vorgehen ist verwunderlich, weil die Vertreterinnen und Vertreter der Hochschule von Anfang an bei der Entwicklung des DQR dabei waren. Dieses Verhalten wurde auch am 12. März 2010 im Rahmen des Arbeitskreises DQR thematisiert. Der HRK Vertreter musste sich massive Kritik von allen Beteiligten anhören. Die entscheidende Frage bei der Entwicklung der DQR Matrix war, ob die sogenannten Dublin Deskriptoren sich in der DQR Matrix wiederfinden und damit die Zuordnung von Bachelor und Master und PHD möglich ist. Bisher haben die Hochschulvertreter diese Frage immer mit Ja beantwortet. Die Hochschulrektorenkonferenz stellt das jetzt in Zweifel.

Nenne bitte drei Gründe, warum die Gewerkschaften sich für den DQR einsetzten sollen?

Ein gut gemachter Deutscher Qualifikationsrahmen schafft Entwicklungsmöglichkeiten für unsere Kolleginnen und Kollegen. Gut gemacht, damit meine ich die Zuordnung aus allen Bildungsbereichen auf alle Niveaus. Ein guter Qualifikationsrahmen muss sich daran messen lassen, ob es möglich ist, auch das höchste Niveau zu erreichen, ohne die Hochschule einen Tag von innen gesehen zu haben. Wenn das gegeben ist, hätten beruflich qualifizierte wirklich einen Vorteil durch den Deutschen Qualifikationsrahmen. Sie könnten ab 2012 einen Nachweis in ihrem Qualifikationsnachweisen haben, dass sie auch ein Niveau 6 oder 7 oder im günstigsten Fall sogar 8 erreicht haben.

Darüber hinaus: Wir können nicht absehen, welche Dynamik der Deutsche Qualifikationsrahmen in der Zukunft auslöst. In den anderen Ländern Europas, die zurzeit auch nationale Qualifikationsrahmen entwickeln, wird sehr offen die Frage diskutiert, ob ein Qualifikationsrahmen auch für tarifliche Bewertungen genutzt werden kann. Ich halte das unter den gegebenen Bedingungen für die Bundesrepublik Deutschland für einen abwegigen Gedanken, er ist aber für die Zukunft nicht auszuschließen. Ein weiterer Punkt: Die Diskussion um den Deutschen Qualifikationsrahmen eröffnet auch Türen für die Zuordnung nonformal und informell erworbener Kompetenzen.

Dabei geht es für unsere Kolleginnen und Kollegen insbesondere um die Bewertung von Berufserfahrungen, die im Verlauf der Tätigkeit gemacht werden. Ein Qualifikationsrahmen könnte helfen, diese non - formal und informell erworbenen Kompetenzen auch ohne formale Abschlüsse zuzuordnen.

Auf wie viele Niveaustufen werden die Berufe des Dualen Systems am Ende des Tages eingestuft sein?

Wir haben uns in der DQR Arbeitsgruppe des Bundesinstituts für Berufsbildung auf folgende Linie verständigt: Das Abitur sollte grundsätzlich nicht über den BBiG Berufen liegen. Da zwischenzeitlich deutlich wird, dass das Abitur dem Niveau 5 zugeordnet werden soll, heißt das: BBiG Berufe müssen auch dem Niveau 5 zugeordnet werden. Das sollte meiner Meinung nach aber nur für drei und dreieinhalb jährige Berufe gelten. Bei zweijährigen Berufen, beispielsweise dem Speiseeishersteller, kann ich mir schwer vorstellen, wie hier glaubhaft eine Zuordnung auf das Niveau 5 möglich sein soll. In der Konsequenz könnte es darauf hinaus laufen, dass wir eine Zuordnung der BBiG Berufe auf die Niveaus 4 und 5 haben.

Generell könnte gelten, drei und dreieinhalb jährige Berufe auf das Niveau 5, zweijährige Berufe auf das Niveau 4. Ich habe den Eindruck, dass die Arbeitgeberseite diesen Vorschlag auch mit unterstützt. Aber, der Deutsche Qualifikationsrahmen soll im Konsens erarbeitet werden. D.h., wir müssen das auch mit der Hochschule und auch mit der Schulseite diskutieren. Wir haben uns auf ein konsensuales Verfahren der Zuordnung verständigt.

Sind die vier Deskriptoren Wissen, Fertigkeiten, Sozial- und Selbstkompetenz eigentlich haltbar oder müssen sie verändert werden?

Der Deutsche Qualifikationsrahmen zielt darauf ab, Handlungskompetenz zu beschreiben. Um Handlungskompetenz zu beschreiben brauchen wir aber auch Beschreibungen der Sozial- und Selbstkompetenz auf allen Niveaus. Die Logik des Europäischen Qualifikationsrahmens hilft uns hier nicht. Der Europäische Qualifikationsrahmen geht aus von Kenntnissen, Fertigkeiten und Kompetenz. Kompetenz ist dem Wissen und der Fertigkeiten nebenstehend. Wir gehen von einer integrierten Beschreibung und Definition von Handlungskompetenz aus als Einheit von Fach-, Sozial- und Selbstkompetenz. Nur darüber ist es möglich, Gleichwertigkeit zwischen allgemeiner und beruflicher Bildung adäquat zu beschreiben.

Hat der DQR in seiner jetzigen Ausführung eine Chance auf Realisierung?

Ich bin sehr gespannt. Wir erleben in diesen Wochen das Muskelspielen der Allgemeinbildung und der Hochschulseite. Im Moment geht es sehr wenig darum, wie die Zuordnung von Qualifikationsprofilen zum Qualifikationsrahmen konzeptionell begründet werden kann. Faktisch geht es im Moment um eine politische Setzung von Bildungsgängen. Das ist nicht gut, beschreibt die aktuelle Situation aber ziemlich klar. Ob der Deutsche Qualifikationsrahmen auch im Sinne der Gewerkschaften erfolgreich wird, hängt davon ab, ob die für uns entscheidenden Ziele, nämlich Förderung von Durchlässigkeit und Gleichwertigkeit zwischen allgemeiner und beruflicher Bildung, gefördert werden oder nicht.

Zugespitzt könnte man sagen: Wir führen zurzeit einen Kulturkampf zwischen allgemeiner und beruflicher Bildung. Ich fühle mich bei einzelnen Beiträgen der Hochschulseite an die 60er Jahre des letzten Jahrhunderts erinnert: Unter den Talaren, der Mief von 1000 Jahren! Wenn es gelingt, wirklich den konsensualen Prozess zwischen allen Bildungsbereichen weiter zu führen, auf die unterschiedlichen Befindlichkeiten Rücksicht zu nehmen und das Ziel eines bildungsbereichsübergreifenden Ansatzes weiter zu verfolgen, könnte am Ende ein Rahmen entstehen, der mehr Chancengleichheit schafft.


Quelle: WAP, Homepage der IG Metall


Schlagworte zu diesem Beitrag: Lebenslanges Lernen, Deutscher Qualifikationsrahmen
Dieser Beitrag wurde zuletzt aktualisiert am 16.03.2010

Quelle: www.netzwerk-weiterbildung.info
Druckdatum: 21.10.2019