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Integrationslehrer

Sittenwidrig unterbezahlt

Sie bringt Migranten bei, wann sie "haben" und wann "sein" benutzen müssen, wenn sie von der Vergangenheit erzählen. Sie lehrt, wie sie sich in Geschäften und Behörden verständigen können - und Grundlagen unserer Demokratie vermittelt sie auch. Was Roswitha Haala leistet, ist ohne Zweifel hochqualifizierte Arbeit. Das sieht auch der Staat so - im Prinzip.

Die Anforderungen sind hoch, die das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) an die Dozenten stellt, die Einwanderern die deutsche Sprache und Kultur beibringen. In der Regel benötigen sie nicht nur einen Universitätsabschluss in Germanistik oder Pädagogik. Sie sollten auch schon mehrere Jahre unterrichtet haben. Und wenn sie nicht "Deutsch als Zweitsprache" studiert haben - was erst seit kurzem möglich ist - dann müssen sie selbst noch einmal 60 bis 140 Stunden die Schulbank drücken, um eine Zusatzqualifikation zu erwerben. Auf eigene Kosten, versteht sich.

Roswitha Haala hat schon Menschen aller Altersstufen in Deutsch unterrichtet, im Gymnasium gearbeitet und Hauptschüler auf das Berufsleben vorbereitet. Sie liebt ihren Beruf, und sie nimmt ihre Aufgabe ernst. Jetzt ist die 52-Jährige Lehrkraft in Integrationskursen an zwei Volkshochschulen im niedersächsischen Landkreis Diepholz. 18,90 Euro brutto pro Stunde bekommt sie dort - was auf den ersten Blick ja nicht wie ein Hungerlohn aussieht.

Doch der Schein trügt. Denn Roswitha Haala erhält ausschließlich Geld für die Unterrichtsstunden selbst. Sollen die Kursteilnehmer aber voran kommen, muss sie sich auf deren Schwächen und Probleme einstellen und die Lehrveranstaltung entsprechend vorbereiten. So sitzt sie häufig zu Hause noch einmal mindestens halb so lange am Schreibtisch wie im Klassenraum. Weil sie sich die Kurse mit einer Kollegin teilt, kommen regelmäßige Absprachen hinzu.

Am Ende des Unterrichts steht fast immer noch jemand da, der ihren Rat sucht wegen einer Aufenthaltsrechtsfrage, einer Mietangelegenheit oder auch eines Eheproblems. Nicht bezahlt werden auch Informationsveranstaltungen zur Änderung der Integrationsverordnung. Die Teilnahme daran ist wichtig, weil es Roswitha Haalas Kurse unmittelbar betrifft. Und natürlich gibt es kein Geld, wenn die Volkshochschule Ferien macht oder Roswitha Haala krank ist.

So weist Haalas Steuererklärung von 2006 lediglich Einnahmen in Höhe von 11069 Euro aus. Abzüglich der Kosten für ihren Computer, ihr Arbeitszimmer, die Anfahrten und ihre Krankenkasse blieben ihr 5392 Euro zum Leben. Dafür absolvierte sie 20 Unterrichtsstunden pro Woche, was real mindestens einer 32-Stunden-Woche entspricht.

Kursleiter gelten als Freiberufler

Obwohl es für die im Jahr 2005 eingeführten Integrationskurse strikte Vorgaben an die Dozenten gibt und die Regionalleiter des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge zur Kontrolle sogar unangemeldet im Unterricht auftauchen, gelten die Kursleiter als Freiberufler. Sie sind deshalb verpflichtet, sich selbst bei der gesetzlichen Rentenversicherung zu versichern. "Viele tun das nicht und hoffen, dass sie nicht erwischt werden", berichtet Roswitha Haala. Auch sie übersah diesen Posten zunächst, der ihr Einkommen im Jahr 2006 noch einmal um 1458,60 Euro gemindert hätte. Inzwischen steht sie mit über 3000 Euro bei der Rentenversicherung in der Kreide - und klagt dagegen beim Sozialgericht Hannover.

"Wir arbeiten schließlich weisungsgebunden und sind deshalb Scheinselbstständige", so ihre Argumentation. Wenn sie den Prozess verliert, droht ihr die Pfändung. Doch da ist eh so gut wie nichts mehr zu holen. Weil das Dozentenhonorar zum Leben nicht reicht, ist Roswitha Haala seit vergangenen Sommer "Hartz-IV-Aufstockerin" und musste entsprechend ihre Sparbücher offen legen. "Wir sind sittenwidrig unterbezahlt - im Auftrag der Bundesregierung", so ihr Fazit.

Seit zwei Jahren kämpfen ver.di und die von der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) initiierte Gruppe "Aktion Butterbrot" gegen die katastrophale Einkommenslage der bundesweit etwa 12000 Integrationslehrer/innen. Zwar ist es gelungen, im vergangenen Juli eine Anhebung der Sätze pro Kursteilnehmer und Stunde von 2,05 Euro auf 2,35 Euro zu erreichen. Doch bei den Lehrenden ist davon fast nirgendwo etwas angekommen - schließlich müssen neben den Räumen und Lehrmaterialien auch Strom und Verwaltung finanziert werden.

Vielerorts verdienen die Dozenten sogar noch weniger als Roswitha Haala; bei manchen privaten Trägern gibt es nicht einmal 14 Euro brutto. "Und als vor zwei Jahren ein Dozent an der Volkshochschule Köln einen bezahlten Urlaubsanspruch bei Gericht durchsetzte, drohte die VHS seinen Kollegen, die Honorare abzusenken, sollten sie den gleichen Weg gehen", berichtet der nordrhein-westfälische verdi-Landesfachbereichsleiter Uwe Meyeringh.

Beschwerden weist das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) ab. "Hinsichtlich der Vergütung von Lehrkräften weise ich darauf hin, dass diese grundsätzlich der Vertragsfreiheit von Lehrkräften und Bildungsträgern unterliegt", schreibt ein Mitarbeiter des BAMF einer Dozentin und sendet freundliche Grüße. Die Konsequenzen für die Qualität der Integrationskurse sind fatal. "Wer wegkann, der geht," sagt Uwe Meyeringh.


Quelle: ver.di Publik 05/2008

Schlagworte zu diesem Beitrag: Freiberufler/Selbstständige, Honorar, Volkshochschule, Hochschulen
Dieser Beitrag wurde zuletzt aktualisiert am 14.04.2009

Quelle: www.netzwerk-weiterbildung.info
Druckdatum: 14.10.2019