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Schwerpunkte für eine Politik des Lebenslangen Lernens

Grundsätze

Der vorliegende Entwurf des Innovationskreises Weiterbildung des BMBF zu Empfehlungen für Strategien des Lernens im Lebenslauf vom 17. Juli .2007 will Wege aufzeigen und Vorschläge machen, wie Bildung als Deutschlands wichtigste Ressource zu nutzen und weiterzuentwickeln ist. Für eine problemangemessene Strategie des Lernens im Lebenslauf sind eine Analyse der Situation der Weiterbildung und ein Leitbild für die Weiterentwicklung erforderlich.


Situation der Weiterbildung in Deutschland

Zu Recht verweist der Innovationskreis auf die großen Herausforderungen, die Globalisierung, demografischer Wandel und die Entwicklung zur Wissensgesellschaft für die Menschen bedeuten. Jedoch zeigt schon die in Deutschland im internationalen Vergleich geringe Teilhabe an Weiterbildung strukturelle Defizite und das Erfordernis auf, akteursbezogene Anreize massiv zu verstärken.

Bereits der Erste Nationale Bildungsbericht der KMK und des BMBF vom April 2006 hat die prekäre Weiterbildungssituation in Deutschland beschrieben: „Die Weiterbildungsteilnahme hat entgegen öffentlicher Rhetorik in den letzten Jahren abgenommen. Im Zeitraum von 1991 bis 2003 hat sich an den Abständen zwischen den unterschiedlichen Bildungsgruppen so gut wie nichts verändert. Die Prüfung weiterer Merkmale des sozioökonomischen Hintergrundes wie beruflicher Status bestätigt die Verteilungsstruktur: Beamte und Angestellte weisen höchste Teilnehmerquoten auf, während Arbeiter, insbesondere in der beruflichen Bildung, nicht einmal die Hälfte erreichen. Im europäischen Vergleich nehmen die deutschen Arbeitskräfte bei den Lernaktivitäten insgesamt eher einen unteren Platz ein (42 %), während die skandinavischen Staaten, Österreich und Luxemburg mit Teilnahmequoten bis über 80 % die Spitze bilden.“

Auch hat es in den letzten Jahren eine deutliche Verschiebung der Finanzierungslasten der Weiterbildung hin zu den Weiterbildungsteilnehmern gegeben. Parallel dazu wurden die öffentlichen Mittel zum Teil drastisch gekürzt. Bundesagentur für Arbeit, Länder, Bundeszentrale für politische Bildung, konfessionelle Einrichtungen und Wohlfahrtsverbände reduzierten ihre Ausgaben. So lagen nach dem erste Nationalen Bildungsbericht im Jahre 2002/2003 die direkten Ausgaben der privaten Haushalte für Weiterbildung mit 10,3 Mrd. Euro in einer vergleichbaren Größenordnung wie die der Betriebe mit 10,0 Mrd. Euro.

Im internationalen Vergleich nehmen Beschäftigte in Deutschland weniger an Weiterbildung teil und bieten die deutschen Unternehmen weniger Weiterbildung an als Unternehmen in anderen Ländern. 69 % der Unternehmen haben 2005 Weiterbildung in irgendeiner Form angeboten – 1999 waren es noch 75 %. Formale Weiterbildung (interne und externe Kurse) boten 2005 nur 54 % der Unternehmen an gegenüber 67 % in 1999. Dabei ist das betriebliche Weiterbildungsangebot stark von Betriebsgröße und Branche abhängig. In kleineren und mittleren Unternehmen (KMU) ist die formale Weiterbildungsaktivität gering.


Leitbild: Präventive Weiterbildungspolitik

Eine tragfähige Strategie zur Gestaltung des Lernens im Lebenslauf muss sich am Leitbild einer präventiven Weiterbildungspolitik orientieren. Sie darf nicht erst dann eingreifen, wenn etwa Arbeitslosigkeit eingetreten ist oder bevorsteht. Das Leitbild darf sich aber nicht allein auf berufliche, sondern muss sich auch auf allgemeine, politische und kulturelle Weiterbildung beziehen; denn nicht nur im beruflichen Umfeld, sondern in allen Lebensbezügen sind die Menschen mit neuen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Herausforderungen konfrontiert.

Das Verständnis für die Notwendigkeit Lebenslangen Lernens und höherer Investitionen für Lernen ist in vielen Bereichen von Wirtschaft und Gesellschaft noch nicht ausreichend genug entwickelt. Lernen wird noch zu häufig als Konsum, Lernangebote werden noch immer als Kostenfaktor verstanden. Weiterbildung ist aber eine Investition für den einzelnen Menschen, für das einzelne Unternehmen wie auch für die Gesellschaft insgesamt.

Durch Aufbau und Sicherung von Lerngelegenheiten muss die Bildungsbereitschaft in allen gesellschaftlichen Gruppen soweit wie möglich gefördert werden. Über Teilhabe an Bildungsangeboten können auch gesellschaftliche Teilhabemöglichkeiten verbessert werden. Damit dient Lernen im Lebenslauf aus der Perspektive der Bürgerinnen und Bürger nicht nur der Förderung der Beschäftigungsfähigkeit, sondern auch ihrer persönlichen Kompetenzen, die für das Zurechtfinden in der Gesellschaft und für die Bewältigung des Strukturwandels unabdingbar sind. Dabei kann Weiterbildung, wenn sie mit Arbeits- und Gesundheitsschutz verzahnt ist, auch zur gesundheitlichen Prävention beitragen.


Öffentliche und private Verantwortung in einer „Weiterbildung mit System“

Die Koalitionsvereinbarung der Regierungsparteien vom 11. November 2005 hebt hervor, dass Teilnahme und Teilhabe an Weiterbildung ungleich verteilt und vom sozialen, familiären und betrieblichen Status abhängig sind. Die Koalitionspartner wollen deshalb die Weiterbildung zur „Vierten Säule“ des Bildungssystems entwickeln und mit bundeseinheitlichen Rahmenbedingungen eine Weiterbildung mit System etablieren. Von den dort genannten Vorhaben Bildungsberatung, Benachteiligtenförderung, Bildungssparen und Bildungszeitkonten hat die Koalition bisher nur eine Initiative zum Weiterbildungssparen auf den Weg gebracht. Wie das Empfehlungspapier des Innovationskreises halten auch wir flankierende Beratungsangebote für unerlässlich, um die zentralen Ziele des Weiterbildungssparens zu verwirklichen. Gerade vor dem Hintergrund alternativer staatlich geförderter Spar- und Vorsorgeangebote ist Beratung erforderlich, um die Bereitschaft für eine Teilnahme an Weiterbildung zu erhöhen.

Nach unserer Auffassung müssen die Konditionen für die Rückzahlung der Bildungskredite sozialverträglich – ähnlich wie beim Bundesausbildungsförderungsgesetz – ausgestaltet sein, damit das Instrument nicht von vornherein die soziale Selektivität fördert.

Es sollte daran erinnert werden, dass auch für die Weiterbildung eine öffentliche Verantwortung besteht. Nur so kann eine politische Steuerung ermöglicht werden, ohne die ein Programm für eine Weiterbildungsoffensive – wie sich die Empfehlungen des Innovationskreises Weiterbildung ja verstehen – im wesentlichen auf der Ebene unverbindlicher inhaltlicher Anforderungen stehen bleibt. Denn in der Wissensgesellschaft steigt die öffentliche Verantwortung für das Erwachsenenlernen, da die Erstausbildung zunehmend nur noch „Eintrittskarte“ für gesellschaftliche Teilhabe ist. Wenn die Empfehlungen des IKWB die Eigenverantwortung der Bildungsteilnehmer hervorheben, dann darf die komplementäre Verantwortung von Politik und Unternehmen nicht vergessen werden. Auch in der Weiterbildungspolitik gilt der Grundsatz: Nicht alleine fordern sondern auch fördern. Anders können Beteiligung und die Ressource Motivation nicht verbessert werden.

Soweit als Ziel die Entwicklung der Weiterbildung als „Vierte Säule“ des Bildungssystems angestrebt wird, geben wir zu bedenken, dass mit einer „Versäulung“ auch die Gefahr einer institutionellen Abschottung verbunden ist. Stattdessen sollte „Weiterbildung mit System“ institutionell in einem kohärenten Bildungssystem verankert werden.

Zu einer „Weiterbildung mit System“ gehört auch ein bedarfsdeckendes Bildungsberatungs- und Informationsangebot. Nach allen Erfahrungen darf Beratung dabei nicht nur punktuell an den so genannten „biografischen Schwellen“ stattfinden, wie dem Übergang von der Schule in Ausbildung, sondern muss kontinuierlich und zielgruppengerecht für das Lernen im Lebenslauf angeboten werden. Auch darf sie nicht allein über Informationsportale im Internet, sondern muss auch als persönliche „face-to-face-Beratung“ erfolgen.


Quelle: Schwerpunkte für eine Politik des Lebenslangen Lernens, Arbeitspapier 152 des Hans Böckler Stiftung


Sie können das vollständige Arbeitspapier 152 hier als pdf-Datei herunterladen.

Hier finden sie die Empfehlungen des Innovationskreises Weiterbildung.

Schlagworte zu diesem Beitrag: Betriebliche Weiterbildung
Dieser Beitrag wurde zuletzt aktualisiert am 14.04.2009

Quelle: www.netzwerk-weiterbildung.info
Druckdatum: 14.10.2019