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Selektivität bei der Einlösung von Bildungsgutscheinen

Als Ergebnis seiner Studie hält Thomas Kruppe fest:


„Fazit

Der vorliegende Beitrag hat zunächst diskutiert, welche Faktoren bei der Vergabe von Bildungsgutscheinen zu einer Selektivität führen könnten. Darüber hinaus wurden erstmals Auswertungen von Geschäftsdaten der Bundesagentur für Arbeit zu Bildungsgutscheinen vorgestellt, die mit Forschungsdaten des IAB, den Integrierten Erwerbsbiographien (IEB), verknüpft wurden. Dabei wurde untersucht, ob es Selektionsprozesse bei der Einlösung von Bildungsgutscheinen gibt.

Insgesamt zeigt das Instrument Bildungsgutschein eine Einlösequote von ca. 85 Prozent. Dies wirkt auf den ersten Blick recht hoch. Zu beachten sind aber zwei Punkte: Zum einen ist fraglich, inwiefern die durch die Einführung angestrebte Qualitätssteigerung eingetreten ist. Denn Selektivität in der Vergabepraxis könnte bereits dafür gesorgt haben, dass zumeist nur Bildungsgutscheine ausgegeben wurden, von denen bereits vorab klar war, dass diese auch eingelöst werden können. Zum anderen zeigt sich, dass sich die Einlösewahrscheinlichkeit nicht auf alle Personengruppen gleich verteilt ist.

Eine These ist, dass bereits der Zugang zum Bildungsgutschein nicht allen gleichermaßen offen steht. So ergab bereits die Befragung von Führungskräften im Rahmen der Evaluation der Hartz-Gesetze, dass Geringqualifizierte, Ältere, Alleinerziehende, Behinderte oder wenig mobile Personen sowie Personen mit Sprachschwierigkeiten und Langzeitarbeitslose schlechte Zugangsvoraussetzungen zu einer geförderten Weiterbildung hätten. Dieses konnte durch die hier vorgelegten deskriptiven Analysen zum Teil gestützt werden: Personen ohne Schul- und/oder Berufsausbildungsabschluss haben bereits wesentlich seltener einen Bildungsgutschein erhalten als Personen mit sowohl Schul- als auch Berufsabschluss, welche bei den ausgegebenen Bildungsgutscheinen am stärksten vertreten waren.

Darüber hinaus zeigen die multivariaten Analysen, dass bei geringer Qualifizierten eine signifikant geringere Wahrscheinlichkeit vorliegt, den Bildungsgutschein einzulösen und somit tatsächlich an einer Maßnahme zur beruflichen Weiterbildung teilzunehmen. Auch Personen mit gesundheitlichen Einschränkungen, unabhängig davon, ob diese auch Auswirkungen auf die Vermittlung haben oder nicht, setzen den Bildungsgutschein seltener ein. Genaue Ursachen sind hier nicht aus den Daten ablesbar. Vorstellbare Gründe wären aber sowohl eine fehlende Infrastruktur bei den Weiterbildungsträgern als auch eine eingeschränkte Mobilität bei den Inhabern der Bildungsgutscheine.

Generell ist eine zielgenaue Steuerung nur für die Personen zu erwarten, bei denen tatsächlich ein klar zu umreißendes, durch Kursangebote zu behebendes Defizit an Qualifikationen besteht. Treffen multiple Vermittlungshemmnisse bei Arbeitslosen aufeinander, so können rein an Bildungszielen orientierte Gutscheine mit hoher Wahrscheinlichkeit der Problemlage nicht gerecht werden. Es ist sogar zu befürchten, dass Bildungsträger auf Grund der Erwartung einer hohen Verbleibsquote gerade Personen mit multiplen Vermittlungshemmnissen und/oder mit niedrigen oder keinen Bildungsabschlüssen keine Teilnahme an Maßnahmen ermöglichen. Damit wären gerade die sozialpolitisch bedürftigsten Personen in mehrfacher Hinsicht benachteiligt. Zumindest als Teilbereich sollten deshalb wieder Maßnahmen mit einem festen Kontingent und fester Zuweisung von Teilnehmern durch die Agenturen oder SGB-II-Träger ermöglicht werden.

Unter dem Aspekt der Verbesserung der individuellen Beschäftigungschancen von Arbeitslosen wäre ein verstärkter Einsatz von Weiterbildungsmaßnahmen gerade im Aufschwung angeraten, um weniger qualifizierte Arbeitnehmergruppen daran teilhaben zu lassen. Denn die Förderung beruflicher Weiterbildung hat laut Expertenkommission Finanzierung Lebenslangen Lernens (2004) nicht nur einen bedeutenden Anteil an einer Strategie Lebenslangen Lernens. Sie kann auch verstärkt Gruppen einbeziehen, die ansonsten in der Weiterbildung eher unterrepräsentiert sind. In der jetzigen Form werden allerdings Segmentierungen am Arbeitsmarkt durch Teilnahme an Weiterbildungen nicht aufgehoben (Schömann/Leschke 2004). Gerade aber eine Ausrichtung der Arbeitsmarktpolitik auf Gruppen, die ansonsten aufgrund von dauerhaften Bildungsungleichheiten in der Weiterbildung unterrepräsentiert sind (Becker 2004), könnte ein wichtiger Beitrag zur Verbesserung der Chancengleichheit auf diesem Sektor sein.“


Quelle: IAB-Discussion Paper 17/2008

Sie können die Studie Selektivität bei der Einlösung von Bildungsgutscheinen hier als pdf-Datei herunterladen..


Schlagworte zu diesem Beitrag: Bildungsgutschein
Dieser Beitrag wurde zuletzt aktualisiert am 14.04.2009

Quelle: www.netzwerk-weiterbildung.info
Druckdatum: 16.10.2019