Berufliche Weiterbildung

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Betriebliche Weiterbildung

Der Schrumpfkurs bringt nichts

Wie ist es eigentlich bestellt um den Weiterbildungseifer von Martin Wansleben? Dem Hauptgeschäftsführer des Deutschen Industrie- und Handelskammertags (DIHK), der pünktlich zum Beginn des Sommerlochs gefordert hatte, die Arbeitnehmer müssten sich mehr weiterbilden statt in Urlaub zu fahren. Offenbar nur mäßig. In diesem Jahr will der Arbeitgeberfunktionär doch wahrhaftig einfach nur Urlaub machen. Nur Urlaub? Und was ist mit dem von ihm propagierten Büffeln statt Baden? Nein danke, sagt Martin Wansleben. Ein wichtiger Trost bleibt uns allerdings: Die beste Bildung, das wusste schon Wolfgang von Goethe, findet ein gescheiter Mensch auf Reisen. Das lässt doch hoffen, oder?

Nicht in schönen Sonnenliegen, sondern auf harten Holzbänken findet man sich wieder, wenn es um die Realität in Sachen Weiterbildung geht. Weiterbildung in Deutschland, das ist ein trauriges Kapitel. Auch die jüngsten Zahlen des Statistischen Bundesamtes in Wiesbaden passen so gar nicht zum Konjunkturaufschwung: Anstatt dass mehr in Weiterbildung und Innovationen investiert wird, legen die Betriebe den Rückwärtsgang ein.

In den letzten Jahren haben sich die Weiterbildungsaktivitäten in der Wirtschaft deutlich verringert. Gerade mal die Hälfte der Unternehmen nutzten Lehrveranstaltungen, Kurse und Seminare zur Qualifizierung der Beschäftigten. Bei der letzten Erhebung waren es noch zwei von drei Betrieben. Auch bei den Ausgaben wird geknausert: rund 500 Euro werden pro Arbeitnehmer aufgewandt. Auch hier ist der Rückwärtsgang eingelegt: minus acht Prozent. Beschäftigte, die sich selbst auf den Weg machen und ihre Kompetenzen erweitern, investieren aus eigener Tasche genausoviel. Es kann also überhaupt keine Rede davon sein, dass die Arbeitnehmer nur dann aktiv werden, wenn der Arbeitgeber Fortbildung anbietet. Jährlich absolvieren rund 125 000 Teilnehmer eine anspruchsvolle Weiterbildung als Meister, Techniker oder Fachwirt. Und das in aller Regel nach Feierabend, in der Freizeit und aus eigener Tasche finanziert.

Nichts getan hat sich bei der Weiterbildungsbeteiligung der älteren Arbeitnehmer. Zwar wird viel darüber geredet, aber verändert hat sich in den Betrieben nichts. Noch immer gibt es für die jungen Arbeitnehmer dreimal so viel Weiterbildung wie für die Älteren. Für die 55- bis 64-Jährigen ist Deutschland eine Weiterbildungswüste. Hierzulande nehmen gerade mal sechs Prozent an Weiterbildung teil, in Dänemark sind es fast 40 Prozent. Kluges und vorausschauendes Management sieht anders aus.

Die Befunde in Sachen Weiterbildung sind Beleg für massive Selektion und Chancenungleichheit: Nur in großen Betrieben haben junge, ausgebildete männliche Beschäftigte gute Aussichten, an Weiterbildung teilzunehmen. Ist der Arbeitgeber zufälligerweise noch ein Energieversorger oder eine Bank, dann verbessern sich die Chancen sogar rapide. Nicht so rosig sind die Aussichten hingegen, wenn der Arbeitgeber der Metallbranche angehört oder ein Hotel betreibt. Die neuen Daten zeigen erneut, dass Deutschland bei der Weiterbildung im europäischen Vergleich weit abgeschlagen im unteren Drittel liegt.

Die Gewerkschaften haben angefangen, mit dem Instrument der Tarifverträge wenigstens den einen oder anderen Punkt in der Weiterbildung zu gestalten. In der Textil- und in der Feinstblechindustrie wurde per Tarifvertrag ein Weiterbildungsfonds aufgelegt, aus dem Bildungsmaßnahmen bezahlt werden. In der Metallindustrie ist ebenfalls per Tarifvertrag geregelt, dass jährlich mit jedem Beschäftigten ein Qualifizierungsgespräch geführt werden muss. Viele Betriebsräte versuchen außerdem, das Thema Weiterbildung durch Betriebsvereinbarungen anzuschieben. In den Betrieben muss deutlich werden, dass die Beschäftigten mit ihren Qualifizierungsinteressen bei den Gewerkschaften und Betriebsräten gut aufgehoben sind. Denn für die Beschäftigten entscheidet die eigene Qualifikation mit über Zugang und Verbleib im Beschäftigungssystem, über die Höhe des Einkommens und die Qualität der Arbeitsbedingungen. Deshalb kann es uns nicht kalt lassen, wenn die Arbeitgeber mit der Weitbildung so stiefmütterlich umgehen.


Quelle: einblick 14/07


Dieser Beitrag wurde zuletzt aktualisiert am 28.08.2007