Selbstständige in der Weiterbildung

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Lehrkräfte in DaF-Kursen fordern Festanstellung oder 60 Euro Honorar

Offener Brief

An die Präsidentin des Deutschen Volkshochschulverbandes Annegret Kramp-Karrenbauer
CC: An den Deutschen Volkshochschulverband (DVV)
Cc: An den Bundespräsidenten der Bundesrepublik Deutschland Joachim Gauck
CC: An die Bundeskanzlerin Angela Merkel
CC: An die Bundesbildungsministerin Prof. Dr. Johanna Wanka
CC: An den Bundesinnenminister Thomas de Maizière
CC: An den Leiter des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge Frank-Jürgen Weise
CC: An die Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles
CC: An die Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig CC: An den Bundesfinanzminister Dr. Wolfgang Schäuble
CC: An die Bundestagsfraktionen CDU, SPD, Bündnis90/Die Grünen, die Linke

Sehr geehrte Frau Kramp-Karrenbauer,

wir, die in Integrationskursen tätigen DaF-/DaZ-zertifizierten Lehrkräfte sowie Angehörige des Bonner Offenen Kreises (BOK), eines Zusammenschlusses von Deutschlehrkräften, der schon seit Jahren gegen die inakzeptablen Arbeitsbedingungen von Kursleitenden in Integrationskursen und deren skandalöse Mangelfinanzierung durch den Bund ankämpfen, möchten uns für Ihre Unterstützung und die klare Positionierung, die Sie zuletzt am 15.03. in frontal21 gezeigt haben, bedanken.

Wir hoffen, dass Sie sich auch weiterhin für eine deutliche Verbesserung unserer Arbeitsbedingungen einsetzen. Denn akademisch ausgebildete Lehrkräfte mit überwiegend langjähriger interkultureller Erfahrung, die sehr heterogene Gruppen von ZuwanderInnen sowohl in Deutsch als auch in Geschichte und Politik auf ihr Leben in ihrer neuen demokratischen Heimat Deutschland vorbereiten, verdienen und brauchen endlich eine Bezahlung auf LehrerInnen-Niveau. Das aktuelle durchschnittliche Honorarniveau freiberuflich Tätiger, die standardmäßig prekär an einer VHS (oder Sprachschule) in Integrationskursen beschäftigt sind, ist unserer Qualifikation unwürdig und widerspricht außerdem dem sozialen Bildungsauftrag sowie der Vorbildfunktion deutscher Volkshochschulen.

Ihre Worte „Wer bestellt, muss auch bezahlen“ und „Es ist Verantwortung des Bundes, der Bund muss sich hier bewegen“ spiegeln auch unsere Position wider und machen unmissverständlich deutlich, in wessen Feld der Ball (schon viel zu lange) liegt. Auch eine uns bekannte CDU-Abgeordnete, die unsere Forderungen nach einer deutlichen Verbesserung der Arbeitsbedingungen von Deutsch-Lehrenden unterstützt, stimmt Ihnen zu und äußert sich in einer Mail an uns wie folgt:

„Die Fronten sind klar, und ich finde die Aussagen von Frau Kramp-Karrenbauer deutlich und richtig. Das Thema muss nun weiter öffentlich gemacht werden.“

So viel ist klar: Die Lehrkräfte werden diesbezüglich nicht locker lassen. GEW- und ver.di-unterstützte Demonstrationen, u.a. in Bonn, Köln, Hannover, Düsseldorf, Berlin und Osnabrück, haben das Thema bereits in die Öffentlichkeit gebracht, ein breites Medienspektrum hat darüber berichtet. Weitere bundesweite Kundgebungen und Aktionen, so am deutschen Volkshochschultag im Juni, werden folgen. Wichtig ist aber nicht nur, dass die Kursleitenden auf sich aufmerksam machen, sondern dass auch Ausbildungsstätten für DaF / DaZ, sprich Universitäten, aber auch Gewerkschaften sowie Kursträger und Verbände, hier allen voran die deutschen Volkshochschulen und ihr Dachverband, der Deutsche Volkshochschulverband (DVV), weiterhin LAUT IHRE STIMME ERHEBEN und medial klar und deutlich Position beziehen bzw. die für ein nachhaltiges Integrationskonzept notwendigen Forderungen auch und vor allem Richtung Bundespolitik stellen!

In diesem Zusammenhang wünschen wir uns von Ihnen, Frau Kramp-Karrenbauer, als Präsidentin des Deutschen Volkshochschulverbandes, dass Sie den Deutschen Volkshochschultag am 09./10. Juni 2016 zum Anlass nehmen, die Dringlichkeit eines strukturell-qualitativen Ausbaus des Weiterbildungssektors hervorzuheben und die nicht länger hinnehmbare Tatsache prekärer Beschäftigungsverhältnisse vor allem im Bereich der Integrationskurse öffentlich anzuprangern!

Ein Zusammenschluss von 41 Instituten und Abteilungen für Deutsch als Fremd- und Zweitsprache in Deutschland hat in der von Claus Altmayer und Michael Dobstadt veröffentlichten „Leipziger Erklärung“ zum ersten Mal gemeinsam unmissverständlich Stellung bezogen und hervorgehoben, dass es entgegen eines etwaigen Eindrucks in der Öffentlichkeit sehr wohl „tragfähige Konzepte“ wie auch „ausgebildete Fachleute“ gibt, „die politischen AkteurInnen…allerdings diesen ExpertInnen, auf die die Gesellschaft dringend angewiesen ist, nicht die Arbeitsbedingungen, die ihrer Qualifikation und der Bedeutung ihrer Aufgabe angemessen sind,… (bieten).“ „Anzeichen, dass Änderungen an dieser skandalösen Praxis geplant sind“, seien nicht in Sicht.

Wir, der Bonner Offene Kreis DaF / DaZ wie auch alle anderen unterzeichnenden Aktionsbündnisse, erwarten im Sinne einer gelingenden Integration der über eine Million zu uns gewanderten Menschen von den politischen AkteurInnen zunächst und vor allen Dingen eine kostendeckende Finanzierung dieser gesellschaftlich elementaren Aufgabe. Neben der Unterbringung der Menschen ist diese Aufgabe vor allem eine Bildungsaufgabe, da die Zugewanderten für den Arbeitsmarkt in Deutschland fit gemacht werden müssen. Ohne eine umfassende sprachliche Vorbildung, die im Übrigen unserer Ansicht nach eine Ausweitung der Sprachkurs-Förderung über das für den Arbeitsmarkt unzureichende B1-Niveau hinaus auf mindestens B2 beinhalten sollte, wird eine Integration in Arbeit und Gesellschaft nicht gelingen.

Diese darf nicht länger auf Kosten der Kursleitenden bzw. auf deren staatlich generierter Ausbeutung als skandalös unterbezahlten Honorar-TagelöhnerInnen fußen! Ein Honorar, das sowohl die Qualifikation der Lehrkräfte als auch die hohe Bedeutung ihrer Aufgabe spiegelt und das die von jeder/m Kursleitenden abzuführenden Sozialabgaben berücksichtigt bzw. die Option einer tariflich eingruppierten Festanstellung MUSS JETZT zeitnah umgesetzt werden. Denn Zuwanderung und die damit verbundene Notwendigkeit einer gelingenden Integration ist kein bald wieder vorübergehendes gesellschaftliches Phänomen. Deutschland und Europa werden auch in Zukunft auf Migration vorbereitet sein bzw. sich darauf einrichten MÜSSEN.

Laut einer aktuellen Erhebung des BAMF vom Januar 2016 sind knapp 70% der AsylerstantragstellerInnen zwischen 18 und 65 Jahre alt! Einrichtungen aber, sprich institutionelle Strukturen, hat unser Land für diese überwiegende Mehrheit der erwachsenen Zuwandernden schlicht und ergreifend nicht zu bieten. Stattdessen wurde der Weiterbildungssektor jahrelang kaputt gespart. Dafür setzt die Politik nun ohne Nachdenken und Konzept auf Vorläufiges mit Projektcharakter. „Quick and dirty“ würde der Handwerker dazu sagen. In einem solcherart gezimmerten Haus der Integration wackeln die Wände und es regnet durchs Dach. Höchste Zeit also, dass die Empfehlungen kompetenter Leute mit DaF-Know-How endlich Gehör finden! Der Wille der politisch Verantwortlichen ist allerdings die Grundvoraussetzung dafür. Ohne diesen wird die Unzufriedenheit gefährlich wachsen – sowohl bei denjenigen, die die Integrationsaufgabe im Wesentlichen stemmen, nämlich Kursleitenden und Kursträgern, als auch bei denjenigen, die sich schnellstmöglich integrieren wollen, aber zu lange daran gehindert werden.

Herr de Maizière und Frau Nahles planen derzeit hinter verschlossenen Türen ein Integrationsgesetz. Wir KursleiterInnen in Integrationskursen fordern von den politischen AkteurInnen, dass im Fokus dieses Gesetzes zuallererst die Änderung unserer derzeitigen Arbeitsbedingungen im Hinblick auf eine uns und unserer Arbeit angemessenen Bezahlung steht. Ein bundesweites Lehrkräftetreffen am 21.05. dieses Jahres in Hannover wird den Austausch zwischen den mittlerweile in ganz Deutschland bestehenden und sich weiterhin formierenden Aktionsbündnissen fördern und unsere politische Schlagkraft erhöhen. Eine Pressekonferenz wird folgen.

Sehr geehrte Frau Kramp-Karrenbauer, die Volkshochschulen decken etwa 40% der Integrationskurse ab. Hinzu kommen weitere VHS-Deutschkurse, die für die Integration von Bedeutung sind. Der DVV ist ein wichtiger und bewährter Partner bei der großen gesellschaftlichen Aufgabe der Integration von Geflüchteten und anderen ZuwanderInnen.

Wir würden uns über Antworten auf die beiden unten stehenden Fragen freuen:

  1. Wir Deutschlehrkräfte an den VHSn (und anderen Sprachschulen) fordern eine Festanstellung auf LehrerInnen-Niveau oder bei Freiberuflichkeit die Anerkennung der Arbeitnehmerähnlichkeit - dementsprechend 60 Euro pro Unterrichtseinheit plus Arbeitgeberanteil zur Sozialversicherung. Wir und die unterzeichnenden Initiativen würden gerne wissen, wie der DVV zu dieser Forderung steht.

  2. Wir als ExpertInnen aus der Praxis würden zudem gerne mit dem DVV an einem Gespräch über die fachlichen Anforderungen an Integrationskursen teilnehmen, um die Herausforderungen der Zuwanderung im Sinne aller Beteiligten besser zu meistern.

Wir freuen uns auf Ihre Antwort. Der BOK leitet diese gern an die UnterzeichnerInnen dieses Briefes weiter.

Mit freundlichen Grüßen

i.A. Ulrike Wefers, Bonner Offener Kreis DaF / DaZ
Weitere und aktuelle Informationen, Medienecho siehe: www.bonneroffenerkreis.jimdo.com


Verweise zu diesem Artikel:
Schlagworte zu diesem Beitrag: Freiberufler/Selbstständige, Volkshochschule
Dieser Beitrag wurde zuletzt aktualisiert am 09.05.2016

Quelle: www.netzwerk-weiterbildung.info
Druckdatum: 17.07.2018