Lebenslanges Lernen

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Der DQR wird das Bildungs- und Berufsbildungssystem grundlegend beeinflussen

Interview mit Hermann Nehls (DGB), Mitglied im Arbeitskreis DQR


Anfang Februar hat die „Arbeitsgruppe Deutscher Qualifikationsrahmen“ einen ersten Entwurf zum DQR vorgelegt. Wie geht es jetzt weiter?

Nehls Das nächste Jahr wird spannend. In vier Berufs- und Tätigkeitsfeldern, IT, Handel, Gesundheit und Metall und Elektro sollen exemplarische Zuordnungen zum vorliegenden Entwurf eines Deutschen Qualifikationsrahmens vorgenommen werden. Am 25. Mai hat dazu eine Auftaktveranstaltung stattgefunden, bei der verschiedene Arbeitsgruppen eingerichtet wurden. Sie bestehen aus Vertreterinnen und Vertretern der Sozialpartner, der Länder, des Bundes, der Hochschule und der Wissenschaft. Das Ziel ist, bis Ende 2009 Ergebnisse für exemplarische Zuordnungen vorlegen zu können. Sie sollen auch Vorlage oder Beispiel für andere Berufs- und Tätigkeitsfelder sein.


Entscheidungen müssen im Konsensverfahren getroffen werden. Herrscht tatsächlich in allen Fragen Einigkeit?

Nehls Es hat sich gezeigt, dass es erst einmal darum gehen wird, eine gemeinsame Verständigung über die Architektur und auch die Terminologie des Deutschen Qualifikationsrahmens zu erreichen. In einer ersten Phase soll anhand von Ausbildungsordnungen und Curricula geprüft werden, wie viel Kompetenz „darin steckt“, um sie sinnvoll dem Qualifikationsrahmen zuordnen zu können. Bei der Beschreibung der Niveaus geht es auch um Fragen wie Mitgestaltung und Reflexivität, also um Fragen, wie Dinge hinterfragt und gestaltet werden können. Es ist nicht einfach gewesen, das Element der Reflexivität in die Beschreibung der Niveaus aufzunehmen. Die Arbeitgeberseite war hiervon gar nicht erbaut. Sie fürchtete eine Politisierung der Kompetenzbeschreibung. Der Qualifikationsrahmen sollte ihrer Meinung nach vor allen Dingen Fach- und Sozialkompetenz beschreiben. Humankompetenz, jetzt heißt es Selbstkompetenz, wäre doch eine untergeordnete Kategorie. Nach langem Ringen – ähnlich Tarifverhandlungen – ist es aber gelungen, dass wir uns mit der Arbeitgeberseite auf diese Terminologie und Beschreibung der Niveaus verständigt haben.


Wie kann bei solchen Verhandlungen überhaupt sichergestellt werden, dass niemand „durch den Rost fällt“ – immerhin soll der DQR doch gerade benachteiligten Menschen Chancen aufzeigen?

Nehls Wir haben einen erheblichen Teil junger Menschen, die unqualifiziert sind. Ein Qualifikationsrahmen könnte hier eine Schimäre aufbauen, in dem dieser Gruppe Kompetenzen innerhalb des Qualifikationsrahmens zugewiesen werden, um sie „abzuspeisen“. Ein Qualifikationsrahmen ist daran zu messen, ob er dazu beiträgt, Entwicklungsperspektiven zu eröffnen, um die jeweils höheren Niveaus zu erreichen. Keine Status Quo- Beschreibung sondern ein dynamisches Entwicklungsmodell im Sinne einer Stärkung Lebenslangen Lernens. Eine wichtige Frage wird sein, wie weit auch Jugendliche ohne formalen Hauptschulabschluss dem Qualifikationsrahmen zugeordnet werden können. Die Vorschläge, die seitens der KMK bisher auf dem Tisch liegen, laufen darauf hinaus, Jugendliche ohne Hauptschulabschluss dem Niveau 1 zuzuordnen. Ab Niveau 2 sollen Jugendliche mit Hauptschulabschluss zugeordnet werden, das zieht sich dann hoch bis Niveau 5 mit einer allgemeinen Hochschulreife. Aber wie gesagt, das ist erst einmal ein Vorschlag. Es wird also in der nächsten Phase darum gehen, ähnlich wie bei der Entwicklung der Matrix des Deutschen Qualifikationsrahmens auch die Zuordnung zu den einzelnen Niveaus in einem gemeinsamen Prozess zwischen den beteiligten Bildungsakteuren auszuhandeln. Es wird, das ist mein Eindruck, wirklich ein Prozess des Aushandelns werden, weil wir leider in dieser Phase bisher nicht in der Lage sind, die Kompetenzen zu beschreiben und sie dann den einzelnen Niveaus zuzuordnen.


Der EQR sieht eine „Outcome-Orientierung“ vor. Entscheidend ist also, was jemand kann, nicht wo er es gelernt hat. Dennoch bildet der DQR Qualifikationen, jedoch keine individuellen Lernbiographien ab. Wie kann dieser – vermeintliche Widerspruch – aufgelöst werden?

Nehls Das was jetzt passiert, ist eine Hilfskonstruktion: vorhandene Abschlüsse werden zugrunde gelegt, um zu prüfen, wie viel Kompetenzanteile darin stecken, die dann dem Qualifikationsrahmen zugeordnet werden können. Formale Abschlüsse werden hier als Kompetenzbündel angesehen, von denen angenommen wird, dass sie die in den einzelnen Niveaus geforderten Beschreibungen erfüllen. Ein Knackpunkt wird darin liegen, inwieweit auch non formal und informell erworbene Kompetenzen dem Qualifikationsrahmen zugeordnet werden. Meiner Meinung nach müsste dies in einem Arbeitsprozess erfolgen. Es besteht sonst nämlich die Gefahr, dass, wenn in der ersten Phase nur formale Abschlüsse dem Qualifikationsrahmen zugeordnet werden, sich der gesamte Qualifikationsrahmen bei der Zuordnung an formalen Abschlüssen orientiert. Gerade aber mit Blick auf die Durchlässigkeit des Bildungssystems, die ja durch den Deutschen Qualifikationsrahmen gefördert werden soll, kommt es darauf an, non formal und auch informell erworbene Kompetenzen stärker zu berücksichtigen. Andere Länder sind da viel weiter, ich verweise auf Frankreich und auch auf Schottland, die Diskussion in Deutschland hat hier in diesem Bereich erst begonnen.


Irland und Schottland gelten in Europa als Vorreiter in Sachen Nationaler Qualifikationsrahmen, Malta hat den EQR einfach übernommen. Wie steht Deutschland im internationalen Vergleich da?

Nehls Der Deutsche Qualifikationsrahmen scheint auf den ersten Blick etwas komplizierter ausgefallen zu sein als der Europäische Qualifikationsrahmen. Die KMK hat bereits deutlich gemacht, dass sie eine stärkere Orientierung des Deutschen Qualifikationsrahmens am Europäischen Qualifikationsrahmen anstrebt. Sie fürchtet zusätzlichen Aufwand, um Bezüge zu Qualifikationsrahmen in anderen Ländern der EU herstellen zu können.

Meiner Ansicht nach wird es jedoch darauf ankommen, die Besonderheiten des deutschen Bildungs- und Berufsbildungssystems – gemeint ist hier speziell die duale Berufsausbildung - gegenüber anderen Mitgliedsstaaten der Europäischen Union herauszustellen. Das geht am ehesten über die Beschreibung beruflicher Handlungskompetenz, die es ermöglicht, die Diskussion zwischen den Bildungsakteuren auf Augenhöhe zu führen. Doch dieser Auseinandersetzung müssen wir uns stellen und sie muss auch zwischen den Ländern geführt werden. Schließlich geht es ja um mehr Transparenz zwischen den Bildungs- und Berufsbildungssystemen in Europa. In diesem Zusammenhang wird die Frage der Qualitätssicherung und Qualitätsentwicklung von Bedeutung.


Wir brauchen also eine Qualitätsdebatte?

Nehls Eine sinnvolle Beschreibung der Besonderheiten der nationalen Bildungs- und Berufsbildungssysteme kann meiner Meinung nach am ehesten über die Beschreibung der Qualität gehen. Qualität im Sinne auch des Aufbaus gegenseitigen Vertrauens zwischen den Ländern. Wenn es eine Verständigung gibt über gemeinsame Qualitätskriterien, die ein Bildungsprozess beinhalten muss, ist es eher möglich, die Inhalte und auch die Prozesse von Bildungsmaßnahmen zu erfassen.

Aus Sicht der Gewerkschaften besteht bei der sogenannten Outcome-Orientierung des Europäischen Qualifikationsrahmens ohnehin die Gefahr, dass durch die einseitige Orientierung auf das, was am Ende eines Bildungsprozesses herauskommt, Gestaltungsmöglichkeiten, was die Inhalte und auch die Prozesse von Bildung angeht, geschmälert werden. Das kann es gerade mit Blick auf das Deutsche Bildungs- und Berufsbildungssystem nicht sein. Eine einseitige Outcome-Orientierung würde auch einem Verständnis nachhängen, wonach jeder seines Glückes Schmied ist. Eine sehr neoliberale Sicht für Bildung und Berufsbildung.


Manch einer sieht im Vorgehen zum DQR Parallelen zum Bologna-Prozess: Im Grunde wird hier ein Bezugsrahmen mit weitreichenden Konsequenzen für sämtliche Bildungsbereiche entwickelt, die Diskussion findet aber weitgehend in Expertengremien statt. Wie kann es gelingen, die öffentliche Diskussion anzuregen?

Nehls Auch wenn es im Moment noch nicht so scheint: Es ist davon auszugehen, dass die Entwicklung und vor allen Dingen die Umsetzung nationaler Qualifikationsrahmen das Bildungs- und Berufsbildungssystem in den einzelnen Ländern grundlegend beeinflussen wird. Die Bundesregierung und mit ihr andere Mitgliedsstaaten der EU haben sich verpflichtet bis 2010 ihre Ausbildungssysteme dem Europäischen Qualifikationsrahmen zuzuordnen und ab 2012 alle Zeugnisse mit einem Nachweis zu versehen, welchem Niveau sie im Europäischen Qualifikationsrahmen bzw. den Nationalen Qualifikationsrahmen entsprechen. Spätestens dann wird es eine breite öffentliche Diskussion um die Frage der gerechten Zuordnungen im Qualifikationsrahmen geben.

Den Deutschen Qualifikationsrahmen lediglich als Übersetzungselement für andere Länder zu begreifen, wäre verkürzt und würde auch die Dynamik verkennen, die meiner Meinung nach durch die Entwicklung und Umsetzung des Deutschen Qualifikationsrahmens ausgelöst wird.


Dennoch findet die Diskussion weitgehend nur unter den Experten statt. Die Öffentlichkeit nimmt bislang kaum Notiz. Wie kann man sie auf eine breitere Basis stellen?

Nehls Ich finde es erfreulich, dass es jetzt seit fast zwei Jahren einen sehr intensiven Dialog zwischen den einzelnen Bildungsbereichen Schule, Hochschule und Berufsbildung gibt. Ich kann mich nicht daran erinnern, dass es jemals in der Geschichte von Bildung und Berufsbildung in der Bundesrepublik Deutschland einen derart intensiven Dialog gegeben hat. Da liegt viel Reformansatz drin. Reformansatz, das Bildungssystem einheitlicher und transparenter zu gestalten. Es liegen aber auch Gefahren darin, beispielsweise, dass die Kompetenzen Niveaus zugeordnet werden, ohne Ungleichzeitigkeiten zu berücksichtigen. Es ist ja vorstellbar, dass jemand über ein hohes Maß an Fachkompetenz verfügt, aber nicht in der Lage ist, diese Fachkompetenz auch zu vermitteln. Es ist also möglich, dass individuelle Voraussetzungen standardisiert werden und die Einzelniveaus des Qualifikationsrahmens Messlatte werden für alle Bildungsbereiche.

Es muss jetzt darum gehen, eine breitere Öffentlichkeit zu erreichen. Wenn wir daran denken, dass ab 2012 ein Nachweis darüber in den Zeugnissen enthalten sein soll, welchen Qualifikationsniveaus sie entsprechen, muss es eine breite öffentliche Diskussion um dieses Thema geben. Der DGB will hierzu beitragen, indem er aktuell eine Broschüre zum Deutschen Qualifikationsrahmen veröffentlicht hat, in der die Hintergründe und Schwierigkeiten des DQR erläutert werden.


Der DQR berücksichtigt in erster Linie berufliche und hochschulische Bildung. Welche Rolle kann da die Politische Bildung spielen?

Nehls Wenn wir daran denken, dass auf allen Niveaus Kategorien wie Mitgestaltung und Reflexivität vorhanden sind, kann die Politische Bildung sehr wohl dazu beitragen, Menschen zu befähigen, sich stärker einzumischen, Dinge kritisch zu hinterfragen, eigene Positionen zu beziehen und sie auch umzusetzen. Die reine Vermittlung von Wissen oder auch von Fachkompetenz ist nur ein Teil beruflicher Handlungskompetenz. Politische Bildung könnte dazu beitragen, in Arbeits- und Geschäftsprozessen gemachte Erfahrungen zu reflektieren und über Handlungsalternativen nachzudenken. Für die Politische Bildung wäre das kein Neuland. Politische Bildung hat die Persönlichkeitsstärkung im sozialen Kontext im Blick, die Fähigkeit den aufrechten Gang im Betrieb und in der Gesellschaft zu beherrschen.

Dieses Verständnis einem Qualifikationsrahmen zuzuordnen, mag erst einmal befremdlich klingen. Ich glaube, dass der Prozess der Entwicklung von nationalen Qualifikationsrahmen nicht mehr aufzuhalten ist. Die Politische Bildung muss sich darüber verständigen, ob sie sich in diesen Prozess einbringt und sich der Frage aussetzt, welchen Beitrag sie leisten kann, um die Bereiche des Deutschen Qualifikationsrahmen, die die Politische Bildung betreffen, als ihr Thema anzunehmen. Das berührt natürlich den Bereich des Bildungsurlaubs, das berührt aber auch den gesamten Bereich der Weiterbildung. Auch in der Weiterbildung geht es darum, vorhandene Denkmuster zu hinterfragen und Handlungsalternativen zu entwickeln.


Hermann Nehls ist Referatsleiter für Grundsatzfragen der Aus- und Weiterbildung beim DGB Bundesvorstand. Nach der Ausbildung zum Industriemechaniker und Tätigkeit in mechanischer Versuchswerkstatt war er Sozialsekretär bei der Evangelischen Kirche (Kirchlicher Dienst in der Arbeitswelt). Danach leitete er die DGB Jugendbildungsstätte Flecken – Zechlin, Brandenburg, und ist seit 2002 beim DGB Bundesvorstand im Bereich Bildung, Qualifizierung, Forschung tätig. Aktuelle Schwerpunkte liegen in der Europäisierung der Berufsbildung und nationalen Themen wie Übergang Schule Beruf, Ausbildungsplatzsituation, Finanzierung der Berufsausbildung und Qualitätssicherung und -entwicklung. Nehls ist Mitglied des Vorstands im europäischen Berufsbildungsinstitut Cedefop, Vorsitzender des Anerkennungsbeirats der Bundesagentur für Arbeit (AZWV), Mitglied u.a. im Fachbeirat Perspektive Berufsabschluss und Mitherausgeber der Online Zeitschrift denk-doch-mal. Nehls vertritt den DGB im Arbeitskreis Deutscher Qualifikationsrahmen.


Quelle: Bundesausschuss Politische Bildung, Newsletter Ausgabe 3/2009


Der DGB hat aktuell eine Broschüre zum Deutschen Qualifikationsrahmen veröffentlicht.

Schlagworte zu diesem Beitrag: Lebenslanges Lernen, Deutscher Qualifikationsrahmen
Dieser Beitrag wurde zuletzt aktualisiert am 29.06.2009

Quelle: www.netzwerk-weiterbildung.info
Druckdatum: 19.09.2019