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.info netzwerk-weiterbildung 01/12

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Liebe Kolleginnen und liebe Kollegen,

lange hat es gedauert, jetzt liegen sie endlich vor, die Ergebnisse des Weiterbildungs-Monitor von BIBB und DIE. Demnach hat sich das Klima oder besser ausgedrueckt die Erwartungen der Weiterbildungsanbieter sehr unterschiedlich entwickelt.

"Ueberwiegend betrieblich finanzierte Anbieter berichten 2011 mit einem Klimawert von +66 ueber eine glaenzende Geschaeftsentwicklung, erreichen nach dem Tiefststand 2009 wieder das sehr hohe Vorkrisenniveau und sind auch fuer die Zukunft hinsichtlich betrieblicher Weiterbildungsinvestitionen hoechst optimistisch. Bei ueberwiegend durch die Arbeitsagenturen finanzierten Anbietern setzt sich dagegen die steile Talfahrt des Klimawertes seit dem Hoch im Jahr 2009 fort."

Und weiter heisst es: "Korrespondierend zum anhaltenden Rueckgang der Eintrittszahlen in Arbeitsagentur-gefoerderte Massnahmen der beruflichen Weiterbildung faellt ihr Klimawert 2011 mit -23 sogar in den Negativbereich. Die Diskrepanz zwischen den Klimawerten der betrieblich finanzierten und Arbeitsagentur-finanzierten Anbieter betraegt 2011 somit fast 90 Punkte auf der Skala von -100 bis +100 – ein seit Einfuehrung des wb-monitor Klimawertes noch nicht gemessener Unterschied zwischen Teilmaerkten der Weiterbildung."

Der allerorts prognostizierte Fachkraeftemangel schlaegt sich in den Bilanzen der Weiterbildungstraeger offenbar sehr verschieden nieder. Waehrend das Geschaeft mit Betrieben und zahlungskraeftigen Kunden brummt, wird bei den Erwerbslosen weiter kraeftig gespart. Im aktuellen Quartalsbericht der Bundeagentur fuer Arbeit liest sich das so: "Fuer die im Eingliederungstitel enthaltenen Ermessensleistungen haben die Arbeitsagenturen 2,3 Mrd. EUR ausgegeben, 630 Mio. EUR weniger als 2010 und 890 Mio. EUR (28%) weniger als 2011 moeglich gewesen waere. Doch nicht ueberall im Eingliederungstitel waren die Ausgaben ruecklaeufig. Die Weiterbildungsfoerderung im Rahmen der 'Initiative zur Flankierung des Strukturwandels' bietet angesichts des zunehmenden Fachkraeftebedarfs in Deutschland Geringqualifizierten abschlussorientierte und berufsanschlussfaehige Qualifizierungsmassnahmen an. Dafuer wurden 2011 244 Mio. EUR ausgegeben, fast doppelt so viel wie 2010."

Fast unbemerkt machen sich in der Foerderung der beruflichen Weiterbildung (FbW) durch die BA Spaetfolgen der Agenda 2010 der damaligen rot-gruenen Bundesregierung bemerkbar. Im Jahresdurchschnitt 2011 hatten gerade noch 30 % der registrierten Erwerbslosen Anspruch auf ALG I. Das waren 891.875. Dem stehen 203.300 Eintritte in FbW-Massnahmen gegenueber, was so wenige nicht sind. Voellig anders stellt sich die Situation im Bereich des ALG II dar. Hier gab es im Jahresdurchschnitt 2.083.948 Erwerbslose. Dem stehen nur 102.898 Eintritte in FbW-Massnahmen gegenueber. Die Chance, eine gefoerderte Weiterbildungsmassnahme zu ergattern, war fuer ALG II-Empfaenger/innen 5 mal niedriger als fuer ALG I-Empfaenger/innen. Die negative Einschaetzung der Bildungstraeger im wb-monitor ist, insbesondere nach den im Herbst 2011 beschlossenen weiteren Kuerzungen, klar begruendet.

Damit verstaerkt sich der soziale selektive Effekt in der Weiterbildung. Betriebe und zahlungskraeftige Kunden, die haeufig ueber hoehere Bildungsabschluesse verfuegen, lassen den Teilmarkt der betrieblichen/beruflichen Weiterbildung brummen. Der Teilmarkt der sozial Benachteiligten, der auf staatliche Unterstuetzung angewiesen ist, bekommt allenfalls ein wenig Brotreste spendiert. Europameister in der Weiterbildung wird Deutschland mit dieser Politik sicherlich nie. Da werden auch noch so viele Bildungsgipfel nicht helfen. Wo der politische Wille fehlt, Benachteiligte durch staatliche Hilfen zu unterstuetzen, verliert Bildung und Weiterbildung endgueltig ihren emanzipatorischen Anspruch, Teilnahme am gesellschaftlichen Leben durch ausreichende Bildungsangebote zu ermoeglichen.


Weitere Inhalte

1. Gute Arbeit in der Weiterbildung unter den aktuellen Bedingungen der Arbeitsmarktpolitik
2. Hunger nach Wissen, lustvolle Weiterbildung
3. Nationaler Qualifikationsrahmen
4. Impressum
5. .info Netzwerk-Weiterbildung abonnieren und kuendigen


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1. Gute Arbeit in der Weiterbildung unter den aktuellen Bedingungen der Arbeitsmarktpolitik
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Am 9. November fand die 10. Fachtagung zur Weiterbildung des Bundesfachbereichs Bildung, Wissenschaft und Forschung in Berlin statt. Seit Jahren ist die durch die Bundesagentur fuer Arbeit gefoerderte berufliche Weiterbildung massiven Veraenderungsprozessen unterworfen. Viele Massnahmen werden nach dem Vergaberecht ausgeschrieben. Preis- und Lohndumping sind in der Branche an der Tagesordnung. Unbefristete sozialversicherungspflichtige Beschaeftigungsverhaeltnisse und tariflich geregelte Arbeitsplaetze werden zur Ausnahmeerscheinung.

Da stellt sich die Frage, was gute Arbeit in der Aus- und Weiterbildung fuer die Beschaeftigten der Branche heute ausmacht? Welche Arbeits-Bedingungen muessen in den Betrieben vorhanden sein, damit Arbeit nicht krank macht, Freude bereitet und sozial abgesichert ist?

Die vorliegende Tagungsdokumentation enthaelt vor allem die Impulsreferate und Arbeitsergebnisse der Arbeitsgruppen. Sie koennen die Dokumentation auf der Seite Foerderung der beruflichen Weiterbildung Als doc-Datei herunterladen.


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2. Hunger nach Wissen, lustvolle Weiterbildung
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Die gewerkschaftliche Initiative "Bundesregelungen fuer die Weiterbildung" hat im VSA-Verlag einen Band ueber die Lust am Lernen und dem Hunger nach Wissen herausgebracht. Mit dem Beginn der kapitalistischen Warenproduktion beginnt die Aufwertung der Taetigkeitsformen Arbeiten und Lernen. Die erweiterte Wissensanhaeufung begleitet die sich beschleunigende Kapitalakkumulation. Leitsprueche tauchen auf, die vorher sinnlos gewesen waeren: "Wissen ist Macht" und "Zeit ist Geld".

Die Arbeiterbildungsvereine des 19. Jahrhunderts erst erschlossen breitere Zugaenge zum Wissen auch fuer das "gemeine Volk". Vorkaempfer war der Schneidergeselle Wilhelm Weitling (1808-1871). Der Hunger auf Wissen ergriff weitere Kreise. Heute aber hat sich vorherrschend ein wirtschaftlich begruendeter Zwang zum Lernen durchgesetzt. Lernen bereitet keine "Lust" mehr. Es geht nicht um die Befriedigung eines menschlichen Beduerfnisses, die Welt um sich herum besser zu verstehen. Es geht um Bildungs-Abschluesse und deren Wert fuer die Verwertung der eigenen Ware Arbeitskraft.

In diesem Zwangszusammenhang besteht die Gefahr, dass Freiheitsspielraeume zunehmend beschraenkt oder aufgegeben werden. Es kommt deshalb darauf an, sich von selbstverschuldeter Unfreiheit immer wieder neu zu befreien und den unverzichtbaren Kern der Aufklaerung zu bewahren, selbstaendig zu denken, nachzufragen und dafuer zu lernen.

Auf der Seite Grundsaetzliches zur Weiterbildung finden Sie den Beitrag "Lob des Lernens" von Peter Faulstich und einen Link zum neuen Buch der gewerkschaftlichen Initiative "Bundesregelungen fuer die Weiterbildung".


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3. Nationaler Qualifikationsrahmen
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In Deutschland streiten sich Kultusminister auf der einen und Arbeitgeberverbaende und Gewerkschaften auf der anderen Seite munter um die Zuordnung von formalen Qualifikationen im Rahmen des Regelwerks des Deutschen Qualifikationsrahmens (DQR).

Bildung jedoch ist mehr als die Sammlung bunter Testate. Die Ausrichtung von Nationalen Qualifikationsrahmen auf die Zuordnung lediglich formaler Bildungsabschluesse versperrt die Sicht auf die Bildungsprozesse. Die Zuordnung von Qualifikationen und der tatsaechliche Erwerb von Wissen, Kenntnissen und Kompetenzen sind zwei grundverschiedene Dinge. Instrumente der Zuordnung sind keine geeigneten Instrumente fuer Verbesserungen des Lernens.

Die Politik der Nationalen Qualifikationsrahmen richtet die Aufmerksamkeit auf die Zuordnung von formalen Lernstufen. Die gegenwaertige deutsche Debatte stellt ein Paradebeispiel fuer diesen Prozess dar. Um die Verbesserung von Lernen und Lernprozessen geht es nicht. Die Betonung liegt auf oekonomischen Kategorien von Markt und Wettbewerb. Das oesterreichische Magazin Erwachsenenbildung beschaeftigt sich aus sehr unterschiedlichen Blickwinkeln ausfuehrlich mit solchen grundlegenden Fragen zu Nationalen Qualifikationsrahmen. Die Beitraege ordnen die Debatte um Nationale Qualifikationsrahmen in bildungstheoretische Ansichten ueber die Zukunft von Lernen und Bildung ein. Sie stellen zugleich die Frage, welchen Nutzen die Nationalen Qualifikationsrahmen in diesem Zusammenhang haben koennten.

Sie finden auf der Seite zum Lebenslangen Lernen eine kurze Zusammenfassung der wichtigsten Ergebnisse der Ausgabe. Ausserdem koennen Sie dort das vollstaendige Magazin als pdf-Datei herunterladen.


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4. Impressum
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Herausgeber
Vereinte Dienstleistungsgewerkschaft Landesbezirk Niedersachsen Bremen
Brigitte Schuett
Landesfachbereichsleiterin Bildung Wissenschaft Forschung
Goseriede 10
30159 Hannover

Redaktion: Peter Schulz-Oberschelp
mail to: mailto:mail@netzwerk-weiterbildung.info


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5. .info netzwerk-weiterbildung abonnieren und kuendigen
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Das .info netzwerk-weiterbildung ist ein kostenloser Service fuer die Beschaeftigten in der Fort- und Weiterbildungsbranche. Wenn sie in den Verteiler aufgenommen werden wollen oder wenn sie in Zukunft dieses Info nicht mehr zugeschickt bekommen wollen gehen sie bitte auf die Internet-Seite oder schicken sie eine e-mail an mailto:info@netzwerk-weiterbildung.info


Dieser Beitrag wurde zuletzt aktualisiert am 18.02.2012

Quelle: www.netzwerk-weiterbildung.info
Druckdatum: 19.09.2020