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Gute Arbeit – Gute Dienstleistungen

Immer noch gelten Dienstleistungen in unserer Gesellschaft weitgehend als niedrigproduktive Tätigkeiten mit geringer Wertschöpfung, als Arbeit, die auch von un- und angelernten Kräften geleistet werden kann, und soziale Dienstleistungen als typische Arbeit für Frauen, oft als „Hinzuverdienst“. Dem Vorurteil folgen die Fakten: 25 Prozent aller atypisch Beschäftigten arbeiten im Dienstleistungssektor, 58 Prozent aller in der Leiharbeit beschäftigten Frauen sind in Dienstleistungsbranchen eingesetzt. Fast eine Million Minijobs zählt der Einzelhandel, 420 000 das Gesundheitswesen. Prekäre Arbeit und niedrige Löhne in den Dienstleistungen drücken keine ökonomischen Gesetzmäßigkeiten aus. Sie sind Ergebnis einer politischen Agenda, die die so genannte Dienstleistungslücke zwischen Deutschland und den angelsächsischen Ländern vor allem durch die Abwertung und Entsicherung von Arbeitsverhältnissen lösen wollte.

Diese Abwertungsstrategie gerät zunehmend in Widerspruch zum wachsenden Stellenwert der Dienstleistungen für die wirtschaftliche, gesellschaftliche und politische Entwicklung. In Deutschland sind mehr als zwei Drittel aller Erwerbstätigen in den Dienstleistungen beschäftigt und tragen zu mehr als 70 Prozent zur volkswirtschaftlichen Wertschöpfung bei. Dienstleistungen sind unverzichtbar für die Industrie – Fachleute sprechen heute von einer hybriden Wertschöpfung durch Produktion und Dienstleistung. Dienstleistungen haben eine zunehmende Bedeutung in der Energiewende, für ein ressourcenschonendes Wachstum, bei der Bewältigung des demografischen Wandels und für die Integration der Gesellschaft.

Dienstleistungspolitik, wie sie zuletzt der ver.di-Kongress 2011 formuliert hat, hat das Ziel, gute Arbeit für die Beschäftigten und damit hochwertige Dienstleistungen für die Menschen durchzusetzen. Im Unterschied zur Produktionsarbeit bedeutet Dienstleistungsarbeit Arbeit von Menschen für Menschen. Der DGB-Index Gute Arbeit zeigt die hohen Ansprüche an Dienstleistungsarbeit aus Sicht der Beschäftigten ebenso wie die großen, vor allem psychischen Belastungen durch die teilweise schlechten Arbeitsbedingungen. Das gilt nicht nur für Dienstleistungsarbeit im Gesundheitsbereich und im Sozialwesen, sondern auch für Dienstleistungen in Branchen wie Transport und Logistik, Telekommunikation oder Forschung und Entwicklung. Kritik, die laut wird etwa an der Qualität von Pflege, an kommunalen Diensten, an Mängeln im Verkehrswesen, im Handel, an Finanzdienstleistungen oder an der Lehre an den Hochschulen weist eindringlich darauf hin, dass Deutschland heute weniger quantitativ, sondern vor allem qualitativ eine „Dienstleistungslücke“ hat.

Wir brauchen eine Wende in der Dienstleistungspolitik. Notwendig sind Investitionen wie Innovationen.

Gerade in den personal- und damit auch kostenintensiven Dienstleistungen der Daseinsvorsorge und -fürsorge, führt Sparpolitik zu Leistungseinschränkungen und Kostensteigerungen für die Menschen. Wir brauchen nicht den Abbau, sondern den Ausbau vor allem öffentlicher Dienstleistungen. Aber auch in der Privatwirtschaft müssen hochwertige Dienstleistungen systematisch entwickelt und angeboten werden. Eine gezielte Förderung der Dienstleistungs- wie der Arbeitsforschung, die umfassende Professionalisierung der Dienstleistungsarbeit, eine Reform von Aus- und Weiterbildung sowie die materielle Aufwertung von Dienstleistungsarbeit sind notwendig, um die Qualität der Arbeitsbedingungen und damit der Dienstleistungen deutlich zu verbessern. Dazu bedarf es gesellschaftlicher Bewegung, politischer Entscheidungen und auch ökonomischen Drucks.

Die Niedriglohnstrategie hat im Kalkül vieler Unternehmen Investitionen und damit Innovationen in Dienstleistungen erübrigt.

Ein allgemeiner gesetzlicher Mindestlohn ab 8,50 Euro und deutlich höhere Branchenmindestlöhne, der Abbau entsicherter Arbeitsverhältnisse und die faktische Durchsetzung von Entgeltgleichheit und Gleichstellung der Frauen setzen nicht nur der weiteren Ausbeutung der Arbeitskräfte eine klare Grenze, sondern sie wirken auch als „ökonomische Peitsche“ ( Kurt Biedenkopf) für hochwertige und innovative Dienstleistungen.


Quelle: DGB, einblick 11/2012


Schlagworte zu diesem Beitrag: Mindestlohn
Dieser Beitrag wurde zuletzt aktualisiert am 18.06.2012

Quelle: www.netzwerk-weiterbildung.info
Druckdatum: 17.12.2017