Nachrichten-Archiv

Zurück zur Übersicht

LernLust

Hunger nach Wissen, lustvolle Weiterbildung

Lob des Lernens

Das Thema ist doppelt riskant: Zum einen versuche ich, Aussagen zur Theorie des Lernen aus der Interpretation eines Gedichtes zu gewinnen. Schon der Titel wird auf Widerstand stoßen. Viele erleben Lernen eher als Last und als lebenslänglichen Zwang. Außerdem erscheint Lyrik als eine ganz andere Textsorte als wissenschaftliche theoretische Prosa. Zum andern geht es mir um die Apologie eines Dichters, der nach dem Zerfall der DDR in der neuen BRD keineswegs „in“ ist.

Das Gedicht ist das „Lob des Lernens“. Der Dichter ist Bertolt Brecht, der den Text 1933 in seinem Lehrstück „Die Mutter“ im Erstdruck veröffentlicht hat, nachdem es 1932 uraufgeführt worden war. Das Gedicht war immer schon – seit seinem Entstehen und spätestens seit dem Tribunal gegen Brecht im Kongress-Komitee gegen „Unamerikanische Umtriebe“ 1947 ein Stein des Anstoßes. Und Bertolt Brecht musste bis zu seinem Tod 1956 im Westen dafür bezahlen, dass er dann doch, weil er die west-alliierte Besatzungszone nicht betreten oder auch nur durchreisen durfte, über Umwege über die Schweiz und Österreich in den Osten zurückkehrte. Aber auch da blieb er umstritten.

Ich will eng am Gedicht eine Interpretation vorschlagen, die Einsichten in die Theorie des Lernens vermittelt, und folge dabei seinem Gang in drei Versen. Um den Text nicht zu sehr durch Theorie zu überfrachten, werde ich in drei Exkursen allgemeinere Aussagen über Aufklärung, Bildung und Wissen einbringen, die zugleich die historische Kontinuität, in der Brecht steht, deutlich machen. Brechts Gedicht:

Bertolt Brecht: Lob des Lernens
Lerne das Einfachste! Für die
Deren Zeit gekommen ist
Ist es nie zu spät!
Lerne das Abc, es genügt nicht, aber
Lerne es! Laß es dich nicht verdrießen!
Fang an! Du mußt alles wissen!
Du mußt die Führung übernehmen.

Lerne, Mann im Asyl!
Lerne, Mann im Gefängnis!
Lerne, Frau in der Küche!
Lerne, Sechzigjährige!
Du mußt die Führung übernehmen.
Suche die Schule auf, Obdachloser !
Verschaffe dir Wissen, Frierender!
Hungriger, greif nach dem Buch: es ist eine Waffe.
Du mußt die Führung übernehmen.

Scheue dich nicht zu fragen, Genosse!
Laß dir nichts einreden!
Sieh selber nach!
Was du nicht selber weißt
Weißt du nicht.
Prüfe die Rechnung
Du mußt sie bezahlen.
Lege den Finger auf jeden Posten
Frage: Wie kommt er hierher?
Du mußt die Führung übernehmen.


Soweit das brisante, riskante, unzeitgemäße und provozierende Lied. Es ist zu einer Hymne des Kommunismus geworden und in Gefahr mit in den Mülleimer der Geschichte geworfen zu werden, Das erste, das wir daraus lernen könne, ist das Lernen keine unschuldige, neutrale Tätigkeit ist, sondern dass Lernen hochaufgeladen und interessenorientiert ist.


1. Lernen und seine Intention

Es geht Brecht um ein Programm. Mit den wiederholten Imperativen werden die Adressaten aufgefordert zu lernen. Sieben Mal werden sie zum Lernen gerufen: Lerne, lerne, lerne, lerne, lerne, lerne und lerne. Das ist das Programm der Aufklärung. Brecht steht damit auf den Schulten des Säulenheiligen der deutschen Philosophie: Immanuel Kant.

I. Exkurs: Aufklärung

Fragt man heute, was denn Aufklärung sei, denken die meisten wohl nicht an Kant (1724-1804) und seinen zitierfreundlichen Aufklärungsimperativ „Habe den Mut Dich Deines eigenen Verstandes zu bedienen!“, sondern an Sexualität. Beim Zugriff auf Google erhält man etwa 10.000.000 Ergebnisse für „Aufklärung“ (Zugriff 1. 12. 2010). Diese umfassen philosophische, gesundheitliche, sexuelle, politische und militärische Aufklärung. Insofern ist es notwendig, sich vorab der Begriffsinhalte zu vergewissern.

Aufklärung war zunächst ein Kampfbegriff, der sich gegen Aberglauben, Vorurteile und Schwärmerei richtete. Die erklärte Absicht war, nichts für wahr zu halten, als das, was der Prüfung durch Vernunft und Erfahrung standhält. Brecht fordert:
„Lege den Finger auf jeden Posten.
Frage: Wie kommt er hierher?“

Vernunft und Erfahrung liefern die Gründe, Wahrheiten anzunehmen und in der öffentlichen Diskussion zu vertreten. Nur so sei ein Fortschreiten zu „wahrer“ Aufklärung möglich. Wahrheit musste sich in der Abwägung und im Gespräch durchsetzten und von den Beteiligten akzeptiert werden.

Die Fahrt der Aufklärung wurde gezeichnet aus dem Tal der Dunkelheit zu den Höhen des Lichts – so in einer Radierung von Daniel Chodowiecki (1726-1801, die zahlreiche Buchdeckel schmückte. Mit der Licht-Metapher wurde schon von den Vertretern der Aufklärung selbst gespielt: Assoziationen reichen von Entfachen des Feuern durch einige Funken, vom Verglimmen einer trüben Funsel, dem Strahlen der Sonne bis zur Kerze in der Nacht und der aufsteigenden Morgenröte.

Insofern wird mit „Aufklärung“ zunächst eine kritische Intention bezeichnet, die in der Periode zwischen dem Ende des 17. und dem Beginn des 19. Jahrhunderts verortbar ist. Es ging um erweiterten Zugang zum Wissen für alle, oder zumindest für viele.

Kants berühmte Schrift „Was ist Aufklärung?“ (1784) ist geschrieben von einem Befürworter der französischen Revolution und später deren Ehrenbürger im Bewusstsein, dass er im preußischen Staat mit Sanktionen rechnen musste. Kernbotschaft der Schrift ist es, dass Vernunft immer mehr zunehme, und somit Aufklärung ein Prozess ist, der letztlich alle erreicht. Die „Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung?“, die Immanuel Kant in der „Berlinischen Monatsschrift“ vom 5. Dezember 1784 gegeben hat, ist die in Deutschland entschiedenste und berühmteste Stellungnahme:

„Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit.

Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Sapere aude! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienten! ist also der Wahlspruch der Aufklärung“ (Kant: Werke XI, 53).

Es geht um die Freiheit, „von seiner Vernunft in allen Stücken öffentlichen Gebrauch zu machen“ (ebd. 55). Das Wissen soll allen gehören. Wissenschaftlichkeit und Verständlichkeit, Scholastik und Popularität werden nicht als Gegensatz gesehen, sondern Klarheit und Nachvollziehbarkeit gelten als Beweis für die Tiefe der Erkenntnis.

Kant betont den Gang, nicht das Ergebnis, den Prozess, nicht das Resultat. Aufklärung wird demgemäß nicht als Zustands- sondern als Entwicklungsbegriff aufgenommen. Es geht um Ausgang aus Unmündigkeit. Hier schon – im ersten Satz – wird die kritische Perspektive deutlich: Aufgehoben werden soll die Leitung durch andere. Und die Reichweite geht bis zu Selbstkritik, indem Unterwerfung als selbstverschuldet der eigenen Faulheit und Feigheit angelastet wird. Es ist jedoch vom abstrakten Menschen die Rede, nicht vom Einzelnen.

Aber zugleich steckt hier auch schon in der Entschuldigung eine Anklage der Herrschenden, die die Führung übernommen haben. Erst nachgeordnet wird erwähnt, aber dann wütend betont, dass diese die „Oberaufsicht“ „gütigst auf sich genommen haben. Nachdem sie ihr Hausvieh zuerst dumm gemacht haben, und sorgfältig verhüteten, dass diese ruhigen Geschöpfe ja keinen Schritt außer dem Gängelwagen, darin sie sie einsperreten, wagen durften: so zeigten sie ihnen nachher die Gefahr, die ihnen drohet, wenn sie versuchen allein zu gehen“ (ebd. 54).

Dagegen soll die aufgeklärten Menschen nicht mehr an die Vorgaben der Obrigkeiten oder Zwänge von Mode und Zeitgeist gebunden sein, sondern sein Leben und Denken selbst bestimmen. Sie sollen selbst die Führung übernehmen.

Der Streit um die Aufklärung setzt sich bis heute fort. Zu schnell wurde der Aufklärung kalte und flache Vernünftelei und Vergessenheit für tiefe Gefühle unterstellt. Hintergrund war ein Zurückschrecken vor einer angeblichen Unmenschlichkeit nur verstandesmäßigen, „kalten“ Denkens. Aufklärung hat deshalb nach wie vor gerade in Deutschland keinen guten Ruf. Nachdem die Widersprüchlichkeit des bürgerlichen Emanzipationsprozesses nachgewiesen worden ist, scheint sie Opfer einer hämischen Vernunftkritik, die eh immer schon zu wissen glaubt, dass gesellschaftliche Rationalität und individuelle Freiheit nicht möglich seien. Aufklärung gilt – besonders in Deutschland – als flach, vernünftlerisch und gefühlskalt. „Flachheit“ wird unterstellt gegenüber der „eigentlichen“ philosophischen „Tiefe“. Es wird gegen platten, intellektualistischen Schmutz, „Aufklärischt“, polemisiert gegenüber einer tiefgründigen, gefühlsbeladenen religiösen Dunkelheit. In nationalhistorischer Perspektive wird Aufklärung als eine dem „deutschen Wesen“ unangemessene, feindliche Tendenz diffamiert, vor der eine romantische bis nationalsozialistische Idee der volkhaften Seelengemeinschaft zu schützen sei. Vernunft wird gegen Gefühl ausgespielt.
Der Schock der Französischen Revolution ist dem deutschen Bürgertum in die Glieder gefahren. Soweit sollte die Freiheit dann doch nicht gehen, dass sie tatsächlich alle Menschen erreichte. Die Idee der Menschheit war angenehmer als die Pariser Marktfrauen.

Es gibt aber immer auch Gegenstimmen: Jürgen Overhoff wendet sich in seinem Buch „Vom Glück lernen zu dürfen“ gegen die eindimensionale Lesart des Lernens als Zwang und Notwendigkeit: Er zeigt, wie die Begründer der modernen Erziehung - von Locke über Rousseau bis hin zu Kant - das Lernen auch in wirtschaftlichen Krisenzeiten vorrangig als Zeichen der menschlichen Würde und Freiheit begriffen haben. Einfühlsam schreibt er über die zwölf wichtigsten Tugenden, die von den führenden Aufklärern des 18. Jahrhunderts propagiert wurden:

- Wissbegierde
- Neugier
- Anschauung
- Vernunft
- Einbildungskraft
- Aufrichtigkeit
- Gemeinnützigkeit
- Mitgefühl
- Toleranz
- Gottvertrauen
- Chancengleichheit und
- Selbstdisziplin

Damit wird ein Panorama des aufklärerischen Denkens gemalt, das heute noch beeindruckt.
Zurück zum Wortlaut des Brechtschen Gedichtes: Die Lernenden sollen mit dem „Einfachsten“ anfangen, mit dem „Abc“ beginnen, auch wenn diese Grundlagen nicht ausreichen. Das Gedicht steht im Kontext des Lehrstücks als es darum geht, dass die Arbeiter Lesen und Schreiben lernen.

Was denn aber das „Einfachste“ sei, ist so leicht gar nicht zu sagen. Es hat zumindest zwei Bedeutungen: das Leichte, das eingängig ist, oder das Grundlegende, auf das weiteres aufbaut.

Kontext des Gedichts und Ausgangspunkt der Erzählung ist eine Industriearbeitervorstadt. Immer längere Arbeitszeiten und Lohnkürzungen führen zu sozialer Verelendung ganzer Familien. Als der Direktor der Fabrik beabsichtigt, wieder die Löhne zu kürzen, versucht eine kommunistische Gruppe einen Streik zu organisieren. Dieser Gruppe hat sich auch Pavel, der Sohn der Arbeiterwitwe Pelagea Wlassowa, angeschlossen.

Die Mutter versucht vergeblich, Pavel seine Sympathie für die marxistische Gruppe auszureden. Als während der geheimen Sitzung plötzlich eine Hausdurchsuchung stattfindet und die Polizei äußerst brutal vorgeht, entscheidet sich die Mutter, ihren Sohn zu beschützen und Pavels Aufgabe zu übernehmen. Pavel wird verhaftet und die Mutter versteckt sich bei dem Lehrer Wessowitschkow. Die Mutter gerät immer stärker unter den kommunistischen Einfluss und engagiert sich immer mehr für die Partei. Sie lernt sogar lesen und schreiben. Es gibt in der „Mutter“ den Disput zwischen den Arbeitern und dem Lehrer.

„Der Lehrer vor einer Schultafel: Ihr wollt also Lesen lernen. … Habt ihr alle etwas zum Schreiben? Also ich schreibe jetzt dreieinfache Wörter an: Ast. Nest. Fisch. Ich wiederhole: Ast. Nest. Fisch.
Sigorski: Wozu solche Wörter?
Pelagea Wlassowa sitzt mit den anderen an einem Tisch: Bitte. Nikolai Iwanowitsch, muß es gerade Ast, Nest, Fisch sein? Wir sind alte Leute und müssen doch rasch die Wörter lernen, die wir brauchen.
Der Lehrer lächelt: Sehen Sie: woran Sie das Lesen lernen ist völlig gleichgültig.
Pelagea Wlassowa: Wieso? Wie zum Beispiel schreibt man „Arbeiter“? Das interessiert unseren Pawel Sigorski.
Sigorski: „Ast“ kommt doch nie vor.
Pelagea Wlassowa: Er ist Metallarbeiter.
Der Lehrer: Aber die Buchstaben kommen darin vor.
Arbeiter: Aber in dem Wort „Klassenkampf“ kommen auch die Buchstaben vor!
Der Lehrer: Ja, aber Ihr müßt mit dem Einfachsten anfangen, nicht gleich mit dem Schwierigsten! „Ast“ ist einfach.
Sigorski: „Klassenkampf“ ist viel einfacher.“ (Brecht Ges. Werke 2,854/855)

Hier sei dahingestellt, was denn nun das Einfachere ist. Zwei Szenen davor gibt es ein anderes Gedicht: Lob des Kommunismus. Es endet in der Formel: „Er ist das Einfache, das schwer zu machen ist“. Der Begriff des Einfachen täuscht eine Simplizität vor, hinter der sich vielfältige Komplexitäten verbergen. Die Pädagogen haben sich über viele Generationen in der Suche nach dem Grundlegenden, nach dem Elementaren verfangen. Brecht gibt einen Hinweis: Einfach ist das, was für die Lernenden selbst wichtig ist. Und er kritisiert die Arroganz des Lehrers, der glaubt belehren zu können.

Mit der klassenkämpferischen Aussage der Gedichte hatte man schon 1932 Schwierigkeiten. Brecht rettete sich angesichts eigener Zweifel in eine heroische Pose und eine martialische Diktion. Vielleicht wäre es grundlegend, so würde man heute fragen, dass Stahlarbeiter die Schönheit eines Astes erfassen.

Brecht jedenfalls stellt sich gegen die heute noch dominante Position einer Autonomie der Kunst und des Selbstzwecks der Bildung. Schon 1927 hatte er geschrieben: „Und gerade die Lyrik muß zweifellos etwas sein, was man ohne weiteres auf seinen Gebrauchswert untersuchen können muß“ (Ges. Werke XVIII, 55).

Gerade das „Lob des Lernens“ ist vielfältig gebraucht und missbraucht worden. Schon in der antifaschistischen Phase der DDR diente es als literarischer Agitationstext. Das Gedicht wurde in den Literaturkanon der Schulen und in das Rezitationsrepertoire für Festveranstaltungen der Kultur- und Jugendorganisationen der Partei aufgenommen. Kaum ein „Junger Pionier“, der den Text nicht auswendig lernen musste.

In der BRD dagegen waren die Werke Brechts im „Kalten Krieg“ zunächst eine Geheimbotschaft. Aber die Vertreter der „skeptischen Generation“, wie der Soziologe Helmut Schelski die vom Existentialismus erfasste Jugend genannt hat, rückten ins Lehramt und gaben die Botschaft an die Folgenden weiter, die zu Trägern der „Außerparlamentarischen Opposition“, der Studenten- und Lehrlingsbewegung Ende der 1960er Jahre wurden. Das Gedicht hat also vieles angestoßen. Brecht wendet sich –implizit – gegen den Säulenheiligen der deutschen Pädagogik: Wilhelm von Humboldt.

II. Exkurs: Humboldt: Bildung und Verwendung

Bei Wilhelm von Humboldt (1767-1835) hat die Trennung von Allgemeinbildung und Berufsbildung ihren Ursprung. Spätestens der Neuhumanismus setzte die begriffliche Trennung des Beruflichen und des Allgemeinen, wobei das Kulturelle und das Politische mit gemeint war, durch und begründete damit – teils ungewollt – eine Abwertung von Beruf und Arbeit. Allgemeinbildung sei das für alle Geltende, Berufsbildung das Zweckhafte.

Als Exponent dieser Position wird immer wieder Humboldt mit dem „Litauischen Schulplan“ zitiert:
„Was das Bedürfnis des Lebens oder eines einzelnen seiner Gewerbe erheischt, muss abgesondert und nach vollendetem allgemeinen Unterricht erworben werden. Wird beides vermischt, so wird Bildung unrein, und man erhält weder vollständige Menschen, noch vollständige Bürger einzelner Klassen“ (Humboldt 1964, Bd. IV, S. 188).

Die Humboldt-Strategie versuchte angesichts der Machtverhältnisse der feudal-bürgerlichen Gesellschaft Beruflichkeit zu opfern, um die Allgemeinheit zu sichern. Der Neuhumanismus begründete also eine Allgemeinbildungsstrategie.

In der Folge, wenn auch von den geistigen Begründern keineswegs so gedacht, wurde Berufsbildung zur Anpassung. „An die Materie geklebt, der Determination unterworfen, Arbeitsteilung und Klassenherrschaft, wurde der Mensch durch Bildung zur Arbeit für andere gebracht, durfte er lernen, sich für die Entwicklung der Produktion zu schinden“ (Heydorn 1972, 32). Reziprok dazu „entzieht sich die bürgerliche Existenz dem wirklichen Kampf, um sich in einer imaginären Freiheit zu spiegeln“ (ebd. S. 37).


2. Lernen und sein Kontext

Wer sind „die, deren Zeit gekommen ist“? Für den Kommunisten Brecht das Proletariat, das der Unterdrückung entfliehen soll. Wir können diesen Satz heute nicht mehr lesen, ohne das Gorbaschow-Zitat „Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben“ zu erinnern. Die Geschichtsgewissheit der Bolschewiki, die in den 1920 Jahren noch anhielt, wird spätestens heute mit dem Terror des Stalinismus und dem Niedergang des Sowjetkommunismus konfrontiert.

Das Ziel des Lernens wird in der jeweils letzten Zeile jeder Strophe und zusätzlich in der Mitte der zweiten Strophe (im Zentrum) – also viermal - angegeben: „Du mußt die Führung übernehmen.“

Dieser Vers stand im Vordergrund des Prozesses gegen Brecht beim Tribunal wegen „Unamerikanischer Umtriebe“ im Oktober 1947. Den Vorsitz des Kongress-Komitees übernahm ein Abgeordneter der Republikanischen Partei, J. Parnell Thomas, ihm zur Seite als Berater Robert Stripling Das Komitee schuf im ganzen Land eine Atmosphäre der Verdächtigungen, des Mißtrauens, der Angst, eine Welle des hysterischen Antikommunismus. Es genügte, ein entfernter Verwandter von jemandem zu sein, der mal eine kommunistische Versammlung oder ein Solidaritätsmeeting für die Sowjetunion besucht hat, um verdächtig, ein „Sicherheitsrisiko“ zu sein, auf die schwarze Liste gesetzt zu werden. Brecht rauchte während des ganzen Verhörs Zigarren, ein Trick, um zwischen zwei Zügen Zeit zum Nachdenken zu gewinnen: Eine lange Kontroverse zwischen Brecht und Stripling entspann sich über den Satz in dem Song „Lob des Lernens“: „Du mußt die Führung übernehmen“. Unterstellt wurde vom Ankläger, dies sei ein Aufruf zur militanten Revolution, zum Umsturz der Ordnung unter Führung der Kommunistischen Partei. In der englischen Übersetzung, die Stripling vorlas, hieß es: „Du mußt bereit sein, die Macht zu übernehmen.“ Das betrachtete das Komitee als Aufforderung zum Hochverrat. Brecht erwiderte, die Übersetzung sei falsch und außerdem unschön. Einen Tag später reiste er nach Paris und kurz darauf am 5. November nach Zürich. Dort hielt er sich ein Jahr auf, da die Schweiz das einzige Land war, für das er eine Aufenthaltserlaubnis erhielt.


3. Lernen und seine Adressaten

Nach der pauschalen Aufforderung zu lernen an einen Kreis anonymer Adressaten wird dieser in der zweiten Strophe konkretisiert: zweimal werden Männer genannt, zweimal Frauen, jedoch in einem Kontext, der das Lernen (scheinbar) sinnlos macht. Doch auch Asyl und Haft gehen vorüber. eine Frau ist nicht auf die traditionellen Rollen festgelegt, auch eine Sechzigjährige kann durch Lernen ihre Lebenserfahrung erweitern.

Es handel sich in allen Fällen um sogenannte „Problemgruppen“, um „Unterprivilegierte“ wie sie heute in als Benachteiligte etikettiert werden: Frauen, Ältere und andere „Risikogruppen“.

Brecht fordert gerade diejenigen zum Lernen auf, die gerade weil sie über Bildung nicht verfügen, ausgeschlossen von kultureller, sozialer und ökonomischer Teilhabe sind.

Selbst wenn die Grundbedürfnisse unbefriedigt sind, ein Dach über dem Kopf, Wärme und Nahrung fehlen, soll man die Schule aufsuchen, sich Wissen verschaffen, denn das Buch „ist eine Waffe“, mit der man kämpfen kann.

Damit knüpft Brecht an die alte bürgerliche Formel „Wissen ist Macht an“. Bacon Aber es geht ihm nicht um totes Wissen, sondern um Handlungsfähigkeit.

III. .Exkurs:

Bacon, Liebknecht: Wissen und Macht
Wissen ist einerseits Prämisse von Freiheit, andererseits Instrument von Herrschaft. Der Spruch „Wissen ist Macht!“ ist im Deutschen ein geflügeltes Wort, das auf den englischen Philosophen Francis Bacon (1561–1626) zurückgeht. Sein Bestreben, den Menschen in einen höheren Stand seines Daseins zu bringen, drückte sich 1597 in seinen „Meditationes sacrae“ in der Formulierung „Nam et ipsa scientia potestas est“ (Denn die Wissenschaft selbst ist Macht.) aus. In der englischsprachigen Fassung von 1598 lautete der Satz:

“For knowledge itself is power.” (Denn Wissen selbst ist Macht.).


Bacon als Vertreter des entstehenden Bürgertums tritt an gegen feudale Privilegien. Die hoffnungsvolle, weil anspornende These gibt der Wissensaneignung eine wichtige Aufgabe bei der Beseitigung unbegründeter Herrschaft. Die naive, weil nur halb richtige Hoffnung hat Wilhelm Liebknecht (1826-1900) in seiner berühmten Dresdener Rede 1872 „Wissen ist Macht – Macht ist Wissen“ (Liebknecht 1968, 49- 95) kritisiert. Der Vorsitzende der aufstrebenden Sozialdemokratie unterstellt die These „Wissen ist Macht!“ den Gegnern:
„Ja, im Munde unserer Gegener und gegen uns angewandt, zur Widerlegung des von uns, von der Sozialdemokratie verfochtenen Satzes, dass die Haupttätigkeit des Arbeiters sich auf die Umgestaltung der staatlichen und gesellschaftlichen Verhältnisse zu richten habe und dass die ausschließliche Verfolgung von Bildungszwecken für die Arbeiter nichts sei als eine zeitraubende Spielerei, welche weder dem einzelnen noch dem Ganzen zum Vorteil reicht“ (Liebknecht 1968, 58).

Die Macht kann den Zugang zum Wissen kontrollieren und seinen Gebrauch limitieren und verdrehen. „Das Wissen ist unter dem Verschluß der Herrschenden, den Beherrschten unzugänglich, außer in der Zubereitung und Verfälschung, die den Herrschenden beliebt“ (ebd. 59).
Damit verweist Liebknecht darauf, dass der Zugang zum Wissen beschränkt wird durch bestehende Machverhältnisse. Er vertritt die Forderung, die Arbeiterklasse solle die politische Macht erringen und die Schranken beseitigen, die großen Teilen der Bevölkerung den Zugang zu Wissen, Bildung und Kultur verwehrten. Liebknecht zieht den Schluß:

„Wir müssen hinwegschreiten über Staat und Gesellschaft. Verzichten wir auf den Kampf, auf den politischen Kampf, so verzichten wir auf die Bildung, auf das Wissen. ‚Durch Bildung zur Freiheit’ das ist die falsche Losung, die Losung der falschen Freunde. Wir antworten: Durch Freiheit zur Bildung! Nur im freien Volksstaat kann das Volk Bildung erlangen. Nur wenn das Volk die politische Macht erkämpft, öffnen sich ihm die Pforten des Wissens. Ohne Macht für das Volks kein Wissen! Wissen ist Macht! – Macht ist Wissen!“ (ebd. 94).

In dieser dialektischen Formel lassen sich die Erfahrung der Arbeiterbewegung mit der Aufklärung verdichten. Gesellschaftsreform und Bildungsreform stellen eine Einheit her, die mit bloßer Wissensaneignung nicht gesichert werden kann, sondern gegen fortbestehende Machtverhältnisse durchgesetzt werden muss.


4. Selbstbestimmtheit des Lernens

In der letzten Strophe wird die Selbstbestimmtheit beim Lernen hervorgehoben. „Laß Dir nichts einreden! Sieh selber nach!“ Jenseits aller modischen Debatten um „Selbstorganisation“ „Selbststeuerung“ des Lernens, die individualistisch reduziert werden, geht es um „Lebensentfaltende Bildung“. „Was Du nicht selber weißt, weißt Du nicht.“

Wir haben erfahren, wie die Lust am Lernen uns glücklich machen kann. Schon die kritischen Aufklärer – z.B. Locke, Kant oder Gellert – setzten auf ein Lernen mit „fröhlichem Herzen“ und „aufrichtiger Freude“. Sie waren selbst angetrieben von „Wissbegierde“ und erhofften sich „köstlichen Genuss“ und „einzigartige Wonne“. Beachtenswert ist die sinnliche Fülle in den Wörtern. Von der Wollust des Lernens ist noch nicht die Rede; „Luxuria“ gehört in der katechetischen Tradition der römisch-katholischen Dogmatik zu den 7 Todsünden.

Allerdings war schon im 18. Jahrhundert, in dem sie als Vertreter und Wortführer des Bürgertums auftraten, die Lernfreude nur wenigen vorbehalten und Lernteilhabe umso kostbarer. Die Arbeiterbildungsvereine des 19. Jahrhunderts erst erschlossen breitere Zugänge zum Wissen auch für das „gemeine Volk“. Der Hunger nach Wissen ergriff auch weitere Kreise.

Heute aber hat sich vorherrschend der wirtschaftlich begründete Zwang zu lernen durchgesetzt. Viele entwickeln deshalb gegen außengesetzte Lernanforderungen begründete Lernwiderstände (Faulstich/Bayer 2006).

In diesem Zwangszusammenhang besteht die Gefahr, dass Freiheitsspielräume zunehmend beschränkt oder aufgegeben werden. Es kommt deshalb darauf an, sich vor selbstverschuldeter Unfreiheit zu hüten und den unverzichtbaren Kern der Aufklärung, selbst zu denken und dafür zu lernen, zu bewahren, Lernlust zu entfalten. Dann – und nur dann – ist das „Lob des Lernens“ berechtigt.

Bei Brecht können wir lernen,
dass Lernen eine Aufgabe für alle ist,
dass einfach ist, was wichtig ist,
dass alle daran teilhaben
und dass wir selbst lernen, kein anderer für uns lernt.

Dies greift alte Traditionen auf. Johann Amos Comenius ( 28. März 1592 in Südostmähren - 15. November 1670 in Amsterdam) war Philosoph, Theologe und Pädagoge. Er ist ein Begründer der neuzeitlichen Didaktik. Grundsatz seiner Pädagogik lautet: „omnes omnia omnino“ das heißt: „Alle alles ganz zu lehren“ [Didactica magna, caput XI, Sp.49]. In seiner „Böhmischen Didaktik“, die zwischen 1627 und 1632 – also mitten im 30jährigen Krieg – entstanden ist, schreibt er:

"Die Menschen Natur ist frei, liebt die Selbstbestimmung und hasst den Zwang." (Comenius: Böhmische Didaktik. Paderborn 1970, 37).

Erstaunlich ist, wie diese Entwicklungsforderung sich bis heute fortsetzt. Hinter den Lernbegriffen stehen Menschen- und Gesellschaftsbilder. Aber das ist ein neues Thema.


Peter Faulstich, November 2011


Weitere Informationen zum buch gibt es beim VSA-Verlag.

Schlagworte zu diesem Beitrag: Weiterbildung, Volkshochschule
Dieser Beitrag wurde zuletzt aktualisiert am 10.02.2012

Quelle: www.netzwerk-weiterbildung.info
Druckdatum: 19.08.2019