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Der Bundesausschuss Politische Bildung (bap) hat am 17. Oktober zum nationalen Bildungsgipfel Stellung genommen.

Für ein umfassendes Bildungsverständnis!

Die Erklärung hat folgenden Wortlaut:

Wenn am 22. Oktober 2008 im Rahmen der Ministerpräsidentenkonferenz in Dresden ein „nationaler Bildungsgipfel“ mit den Länderchefs, Bundeskanzlerin Angela Merkel und Bundesbildungsministerin Annette Schavan stattfindet, werden die dort angeregten Innovationen die Presse beherrschen. Schon jetzt werben große Plakate für eine „Qualifizierungsinitiative“, die unter dem Motto und der Überschrift „Aufstieg durch Bildung“ Maßnahmen bündeln soll mit dem Ziel, „Bildungschancen zu stärken, die Durchlässigkeit im Bildungssystem zu erhöhen und innovative Impulse zu unterstützen“ (BMBF).

Bildung, so wird zum wiederholten Mal beteuert, sei der zentrale Schlüssel für die Zukunftsfähigkeit unseres Landes. Mit einer breit angelegten Bildungsoffensive soll Deutschland fit für die Zukunft gemacht werden. „Wir müssen die Bildungsrepublik Deutschland werden“, erklärte Bundeskanzlerin Angela Merkel am 12. Juni in ihrer Rede zum 60.Geburtstag der sozialen Marktwirtschaft. Bundesbildungsministerin Annette Schavan betonte in ihrer Rede zum CDU-Bildungskongress am 1.Oktober 2008, „auf dem Weg zur Bildungsrepublik“ müsse man „gemeinsam Bildung in Deutschland stärken“.

Aber wenn sich am 22. Oktober der Bildungsgipfel trifft, werden zentrale Bildungsbereiche nicht auf der Tagesordnung stehen: die allgemeine und politische Jugend- und Erwachsenenbildung. Der 12. Kinder- und Jugendbericht des Bundes stellt fest, dass Bildung „zum unabdingbaren Kern der Jugendarbeit“ gehört und sie „in der aktuellen Situation, in der öffentliche Aufgabenzuschreibung und Leistungserwartung zumindest den Worten nach mit dem traditionellen Selbstverständnis der Jugendarbeit und ihrer eigentlichen Aufgabenstellung“ zusammenfällt. Maßnahmen und Lernorte der Kinder- und Jugendarbeit wie der allgemeinen und politischen Erwachsenenbildung tragen auch laut aktuellem Bildungsbericht „Bildung in Deutschland 2008“ vor allem zum Erwerb sozial-kommunikativer Kompetenzen bei und ermöglichen Bildungsprozesse auf der Grundlage von aktiver und verantwortlicher Mitwirkung. Aber während auf europäischer Ebene die Notwendigkeit einer vielfältigen, breiten und starken Bildungslandschaft bereits mit dem Konzept des Lebenslangen Lernens und den europäischen Schüsselkompetenzen Konsens ist, während dort die Bemühungen fortschreiten, in nicht-formalen Zusammenhängen erworbene Kompetenzen anzuerkennen, und sektorübergreifende Anstrengungen verlangt werden (so die europäischen Bildungsminister im November 2007), setzt die deutsche Bildungspolitik nach wie vor allein auf die formale Bildung und die berufliche Weiterbildung.

Nicht die außerschulischen und außerbetrieblichen Maßnahmen der vielfältigen freien Bildungsträger in Deutschland sind Gegenstand des Bildungsgipfels, sondern vereinzelte, medienwirksame Initiativen potenter Wirtschaftspartner, die mit 3,5 Mio. € finanziert bekommen, was zahlreiche Träger vor Ort seit Jahren mit knappen öffentlichen Mitteln und großem individuellen, professionellen und ehrenamtlichen Engagement umsetzen. Denen werden statt dessen die öffentlichen Mittel gekürzt, wie der aktuelle Bildungsbericht ebenfalls konstatiert: Im Unterschied zu vielen anderen Arbeitsfeldern der Pädagogik ist in der Kinder- und Jugendarbeit das Angebot an öffentlich geförderten Maßnahmen in den letzten Jahren im Bundesschnitt zurückgegangen und die Ausgaben für die Jugendarbeit sind inflationsbereinigt zwischen 2000 und 2006 um etwa 6% gesunken.

Ob auf dem kommenden Bildungsgipfel, im Bildungsbericht 2008 oder bei der Erarbeitung des Nationalen Qualifikationsrahmens zur Anerkennung von Lernleistungen: Der Blick auf Bildungsmöglichkeiten in Deutschland bleibt verengt. Er richtet sich nahezu ausschließlich auf die ökonomische Verwertbarkeit von Bildung. Die „Qualifizierungsinitiative“ der Bundesregierung, die auf dem Bildungsgipfel am 22. Oktober 2008 vorgestellt und beschlossen werden soll, zeigt es: Hier werden schon die frühkindliche und Grundschulbildung unter das Primat des Wirtschaftstandorts Deutschland gestellt. Bildungsnotstand in Deutschland wird vor allem identifiziert als Notstand der Wirtschaft an gut ausgebildeten Mitarbeitern; „gesellschaftliche Teilhabe“ wird vor allem definiert als ökonomische Teilhabe.

„Die Bildungsrepublik ist ein Land, das den Zusammenhalt in der Gesellschaft stärkt“, sagt Bundesbildungsministerin Annette Schavan. Das, so glauben wir, ist dann richtig, wenn auch Bürgerkompetenzen gefördert werden, die die Voraussetzung sind für individuelle Lebenschancen und gesellschaftliche Teilhabe, die den Einzelnen dafür rüsten, „umfassend am staatsbürgerlichen Leben teilzunehmen, (...) sich mit anderen effektiv im öffentlichen Bereich zu engagieren sowie Solidarität und Interesse an der Lösung von Problemen der lokalen und weiteren Gemeinschaft an den Tag zu legen. (...) Dazu gehören Verantwortungsbewusstsein sowie Verständnis und Achtung der gemeinsamen Werte, die erforderlich sind, um den Zusammenhalt der Gemeinschaft zu gewährleisten, wie z.B. die Achtung der Grundsätze der Demokratie.“ (Rat der Europäischen Union 2006)


Mehr Bildungsgerechtigkeit!

Zu einer „Bildungsrepublik Deutschland“ gehören strukturelle Veränderungen für mehr Bildungsgerechtigkeit! Bildung entscheidet über die politische und soziale Einheit unseres Landes. Deutschland verfügt über ausreichende professionelle Akteure, die mit an den Tisch und auf die Agenda eines Bildungsgipfels gehören. Wir stellen fest:
  • Bildung ist der Schlüssel zur Integration. Es muss daher „Bildung für alle" geben. Vor allem aber muss „alle Bildung“ für alle und von Anfang an zugänglich sein. Junge Menschen ohne Schulabschluss, mit geringen Aussichten auf eine Ausbildung oder einen Arbeitsplatz verarmen nicht nur durch die fehlende Erwerbstätigkeit. Ihnen droht auch die geistige, emotionale und politische Armut, wenn Bildung auf ihre wirtschaftliche Verwertbarkeit reduziert wird. Ein zukunftsfähiges Deutschland braucht ein umfassendes Kompetenzverständnis. Persönlichkeitsentwicklung, politische Bildung und Teilhabe dürfen nicht zum Luxusgut werden!

  • Dafür notwendige Kompetenzen werden vor allem in nicht-formalen und informellen Zusammenhängen vermittelt, die an die Lebenswelt und die Interessen der Lernenden anknüpfen. Dies gilt vor allem für sozial- und bildungsbenachteiligte Zielgruppen. Nur Ganzheitlichkeit, Durchlässigkeit und die Anerkennung der Gleichwertigkeit unterschiedlicher Bildungsmöglichkeiten und Bildungswege können einen Beitrag zu einem gerechteren Bildungssystem leisten!

  • „Durchlässigkeit und Verzahnung der Bildungsbereiche“ muss vom Schlagwort zur Realität werden. Wenn wir „gemeinsam Bildung in Deutschland stärken“ wollen, müssen Bildungspartner aller Bereiche auf gleicher Augenhöhe einbezogen werden.

  • Staatliche Bildungsinvestitionen müssen auch Investitionen in nichtformale Bildungsmöglichkeiten sein. Die notwendige Finanzierung von Schulen und Hochschulen darf nicht durch Umschichtung aus anderen Bildungsbereichen geleistet werden, dazu zählen auch die Kinder- und Jugendhilfe sowie die allgemeine Weiterbildung!

  • Der Staat darf sich nicht aus der Finanzierung einzelner Bildungsbereiche zurückziehen. Die thematische Einschränkung auf berufliche Qualifizierung und die Kompetenzstreitigkeiten im Vorfeld des Bildungsgipfels zeugen von einem mangelnden politischen Willen, die guten Absichten tatsächlich umzusetzen und dafür sowohl Konzepte als auch eine ausreichende Finanzierung zu verabreden. Wir brauchen grundlegende Reformen. Damit sollte nun endlich begonnen werden. Sonst bleibt die „Bildungsrepublik“ nicht mehr als ein Schlagwort.

Theo W. Länge, Vorsitzender
Berlin/Wuppertal, 17. Oktober 2008


Dieser Beitrag wurde zuletzt aktualisiert am 20.12.2008

Quelle: www.netzwerk-weiterbildung.info
Druckdatum: 18.04.2019