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Die IG Metall warnt die Arbeitgeber vor zu geringen Anstrengungen bei der betrieblichen Weiterbildung

Berthold Huber im Interview der Frankfurter Allgemeinen Zeitung:

FAZ: Die Arbeitgeber lehnen einen Tarifvertrag über Qualifizierung und berufliche Weiterbildung ab, wie Sie ihn für Baden-Württemberg schon 2001 geschlossen haben. Könnten Sie sich eine freiwillige Regelung vorstellen, wenn die Lohnzahl stimmt?

Berthold Huber: Das ist doch eine verkehrte Welt. Die IG Metall warnt die Arbeitgeber, daß wir Defizite bei der Qualifizierung und Weiterbildung haben. Wir geben unter den Industrieländern am wenigsten für die Weiterbildung aus. Wenn wir die Zukunft sichern wollen, müssen wir neue Wege gehen. Den Titel Exportweltmeister kann man auch schnell verspielen. Aber der Standpunkt der Arbeitgeber ist: Wir sind der Herr im Haus und entscheiden bei dem Thema alleine.

FAZ: Weil sie sagen, daß es in die Kompetenz des Managements fällt.

Berthold Huber: Genau das führt aber zu einer sozialen Selektion. Fast jeder zweite Akademiker nimmt an Weiterbildungsmaßnahmen teil. Doch bei Frauen, Älteren und gering Qualifizierten ist der Anteil minimal.

FAZ: Jeder Arbeitgeber hat doch ein originäres Interesse daran, daß seine Mitarbeiter eine neue Maschine auch bedienen können.

Berthold Huber: Leider wird in vielen Unternehmen nicht strategisch gedacht, sondern erst reagiert, wenn Probleme auftreten und die Maschine steht. Deshalb brauchen wir einen Rechtsanspruch auf Qualifizierung und ein Rückkehrrecht: Wer eine berufsnahe Ausbildung macht, etwa den Meister oder Techniker, dem muß garantiert werden, daß er einen angemessenen Arbeitsplatz wieder bekommt. Wer wie ich Philosophie studieren will, hat diesen Anspruch eben nicht.

FAZ: Viele Unternehmen fürchten in diesem Fall einen erheblichen bürokratischen Mehraufwand.

Berthold Huber: Ich komme mir vor wie der Rufer in der Wüste. Das habe ich vor fünf Jahren in Baden-Württemberg den Unternehmern auch schon alles vorgebetet. Heute sind die meisten mit dem Modell zufrieden.In Baden-Württemberg haben bei einer Umfrage 90 Prozent der Manager gesagt, daß es keine zusätzliche Bürokratie gibt. Unsere Arbeitswelt ist auf Verschleiß angelegt. Wir müssen uns deshalb überlegen, was wir mit den Leuten machen, die nach 10 Jahren in der Produktion völlig kaputt sind. Sollen wir für alle einen Sozialplan machen? Ich sage, wir müssen diesen Leuten durch Qualifizierung eine neue Perspektive geben.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 7. April 2006.

Sie können das vollständige Interview mit Berthold Huber auf der Homepage der Frankfurter Allgemeinen nachlesen.

Dieser Beitrag wurde zuletzt aktualisiert am 30.04.2006

Quelle: www.netzwerk-weiterbildung.info
Druckdatum: 24.09.2017