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Soziale Milieus und Weiterbildung

Die Autor_innen werten die Ergebnisse der europaweit durchgeführten AES-Studie für Österreich aus. Die allgemeinen Ergebnisse sind nicht neu. Sie bestätigen das, was wir schon lange wissen. Jüngere mit einem höheren Einkommen, das wiederum gekoppelt ist an höhere Bildungsabschlüsse, nehmen überdurchschnittlich an Weiterbildung teil. Und umgekehrt. Ältere Menschen, mit niedrigem Einkommen und Bildungsabschlüssen meiden gerne die Seminarräume. „Betrachtet man Beruf und Bildungsabschlüsse der Eltern, so bestätigt sich im AES-Datensatz auch die These der ‚Doppelten Selektivität‘ (Peter Faulstich): Der familiäre Hintergrund wirkt sich auf die Schulbildung und diese wiederum auf das spätere Weiterbildungsverhalten aus.“


Wie lässt sich diese Situation verändern. Da gibt es die einfache Idee, den Lernvorgang einfach aus dem formalen, ungeliebten Seminarraum zu lösen und in die vertrauten vier Wände zu verlagern. Informelles Lernen wird das so gerne genannt. Einfach Bücher lesen, mal am PC recherchieren, und andere Dinge mehr. Doch dieser Ausweg funktioniert nicht. Die Autor-innen mussten bei der Durchsicht der Studie feststellen. Gerade auch das so hochgelobte informelle Lernen ist stark an Einkommen und Bildungsabschlüsse gekoppelt. „Diejenigen, die in den vergangen zwölf Monaten weder über Bücher, Fachzeitschriften oder mit Hilfe des Computers gelernt haben, nahmen auch kaum an Weiterbildung teil und interessierten sich auch wenig dafür. Wer eine höhere schulische Bildung abgeschlossen hat, hat nicht nur viel mehr Bücher zuhause und liest insgesamt mehr, sondern lernt auch eher informell über Bücher und Fachzeitschriften.“


Der Ansatz des informellen Lernens bringt nicht wirklich weiter. Niemand kann so genau sagen, was alles darunter fällt. Und noch weniger wissen die Befragten wirklich, was denn nun gemeint ist. So gaben Personen mit höherer Schulbildung an, ein Museumsbesuch sei für sie ein Lernvorgang. Personen mit niedrigeren Bildungsabschlüssen hingegen nicht. Am Ende wird es so sein, das alle Menschen „informell Lernen“. Und sei es nur ein verändertes Kaufverhalten aufgrund einer Nachrichtensendung. Dann ist die Kategorie für die Frage der Weiterbildungsbeteiligung nicht wirklich nützlich.

Milieu und Weiterbildung

In der Literatur gibt es eine Reihe von schlüssigen Erklärungen, warum jemand nicht an einer Weiterbildung teilnimmt. Die Frage unterschiedlicher Lernkulturen spielt in diesem Zusammenhang jedoch nur eine „rudimentäre“ Rolle. „Lernkulturen meint dabei nicht unterschiedliche kognitive Fähigkeiten oder gar Begabungsunterschiede, sondern Soziale Logiken, Weltbilder (Max Weber) oder Habitus (Pierre Bourdieu) der Weiterbildung, insbesondere bestimmte Einstellungen und Erwartungshaltungen gegenüber organisierten Bildungsangeboten.“

Die Autor_innen beschreiben die Situation von Beschäftigten in „manuellen Berufen“. Sie seien dem Lebenslanges Lernen gegenüber eher kritisch eingestellt. So geben die Betroffenen an, Lebenslanges Lernen sei wichtig. Bei der Frage, ob es hilft, den Alltag zu bewältigen oder gar Spaß bereite, winken sie jedoch ab. Faulstich beschreibt diese Einstellung so: „Weiterbildung ist wichtig, aber nicht für mich.“

Woher kommt diese Einstellung? Offensichtlich lässt sich ein Zusammenhang zwischen der Wahl des Berufes und den Schulerfahrungen auf der einen und dem Weiterbildungsinteresse auf der anderen Seite vermuten. „Bereits Paul Willis zeigte in ‚Learning to Labour‘, wie schulische Misserfolge und habituelle Einstellungen unterprivilegierte Jugendliche dazu bringen, ihre berufliche Bestätigung eher im handwerklich-manuellen Bereich zu verorten.“ So ist für die Betroffenen Theorie nur nützlich, wenn „sie wirklich hilft, etwas zu tun, praktische Aufgaben zu erfüllen“. „Die Mittelschicht hingegen, die ein ausgeprägteres Bewusstsein ihrer Position in der Klassengesellschaft hat, betrachtet Theorie – auch in ihrer gesellschaftlichen Erscheinungsform der Qualifikation – als eine Macht, die zu sozialem Aufstieg verhelfen kann.“

Formale Weiterbildungsveranstaltungen sind häufig theorielastig. Sie haben für Beschäftigte in manuellen Berufen daher nur Sinn, wenn sie helfen, den Alltag zu bewältigen. Das ist eine durchaus vernünftige Einstellung gegenüber Weiterbildungsangeboten. Warum soll ich das Angebot annehmen? Die Entscheidung für oder gegen die Teilnahme an einer Weiterbildung entspringt einem einfachen Kosten/Nutzen-Kalkül. Es kostet, unter Umständen „nur Zeit“, doch die ist kostbar. Wenn sichtbar wird, das mit der Weiterbildung wirklich Verbesserungen in der eigenen Lebenssituation möglich sind, mache ich mit. „Entscheidet sich der / die Lernende gegen das Bildungsangebot, so begründet sich dies eben nicht nur durch manifeste Barrieren, sondern auch durch fehlende positive Erwartungen, dass sich die Arbeits- und Lebensbedingungen nach der Lernanstrengung verbessern“.


Resümee

Diejenigen, die weniger an Weiterbildungsmaßnahmen teilnehmen, haben genaue Vorstellungen an die Bildung. Sie muss praktisch nutzbares Wissen vermitteln und im Zusammenhang mit der sozialen Lage stehen. Den Luxus „reflektierenden Lernens“ kann oder wollen sie sich nicht leisten. Da muss die Weiterbildung entsprechend passende Angebote entwickeln.

Als Resümee halten die Autor_innen daher fest: „Teilnahme und Nicht-Teilnahme hängen nicht nur mit manifesten Hürden und Schranken zusammen, sondern vor allem mit der Diskrepanz zwischen den individuellen Bedarfen und den Angeboten. Die Strategie, mehr Menschen von der Notwendigkeit, lebensbegleitend zu lernen, zu überzeugen, bedarf also einer Überprüfung des Angebotes, der verwendeten Didaktik und der Lerninhalte. Sie bedarf aber auch des Eingeständnisses, dass für eine nicht geringe Zahl an Menschen Formen von organisierter Weiterbildung gegenüber anderen, also informellen Lernformen, nicht als sinnvolle Alternative erscheinen.“


Peter Schulz-Oberschelp
Netzwerk-Weiterbildung


Sie können die vollständige Studie hier als pdf-Datei herunterladen.


Schlagworte zu diesem Beitrag: Weiterbildung, Berufliche Weiterbildung
Dieser Beitrag wurde zuletzt aktualisiert am 14.10.2014

Quelle: www.netzwerk-weiterbildung.info
Druckdatum: 18.06.2019