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Soziale Ungleichheit in der beruflichen und betrieblichen Weiterbildung

Bildung gilt als die soziale Frage des 21. Jahrhunderts. Obwohl der Zusammenhang zwischen den Bildungsvoraussetzungen der Menschen und der späteren sozialen Statusverteilung schon seit vielen Jahrzehnten thematisiert wird, ist mit Blick auf die Entwicklung in den letzten Jahrzehnten für die Bundesrepublik trotz aller bildungspolitischen Absichtserklärungen eine „Gleichzeitigkeit von Bildungsexpansion und sozialer Ungleichheit von Bildungschancen“ (Becker/Lauterbach 2008, S. 11) zu konstatieren. Es werden zwar immer mehr und höhere Bildungsabschlüsse erworben, die soziale Ungleichverteilung der Bildungschancen mit Blick auf die Effekte im späteren Berufsleben von Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern1 bleiben davon jedoch weitgehend unberührt. Offensichtlich verschärft sich das Problem der Bildungsungerechtigkeit sogar noch: Während Ulrich Beck (1986) noch von einem „Fahrstuhleffekt“ spricht, der eine kollektive Verbesserung der Lebenschancen bei gleichzeitiger Beibehaltung sozialer Ungleichheit bezeichnet, konstatiert demgegenüber Butterwegge (2008) einen durch den Neoliberalismus ideologisch und politisch beförderten „Paternostereffekt“. Danach geht der Aufstieg einer Bevölkerungsgruppe mit dem Abstieg einer anderen einher. Aktuelle Debatten um soziale Exklusion verweisen darauf, dass die Ungleichheit von Lebenschancen und Lebensverläufen massive individuelle und auch gesellschaftliche Folgen hat (vgl. u.a. Bude 2008). Mit dieser Studie soll gezeigt werden, dass sich Bildungsungleichheiten und damit verbunden auch -ungerechtigkeiten bis in die berufliche und betriebliche Weiterbildung fortsetzen.

Insgesamt ist festzustellen, dass die berufliche Weiterbildung einem Selektions- und Segmentationsmechanismus unterliegt: Alle bisher durchgeführten sozialwissenschaftlichen Forschungen belegen, dass die Beteiligung an beruflicher und betrieblicher Weiterbildung gleichermaßen stark nach Berufsposition, Bildungs- und Qualifikationsniveau, Berufsgruppen- und Branchenzugehörigkeit sowie nach Alter und Geschlecht differiert. Offensichtlich wirkt bei der Weiterbildungsbeteiligung sowohl an der beruflichen als auch der betrieblichen Weiterbildung ein relativ stabiles Muster, das die Sozialstruktur der Teilnahme an Weiterbildung immer wieder reproduziert und nur schwer zu durchbrechen ist. Diejenigen, deren Bildungsvoraussetzungen schon zu Beginn ihrer Bildungslaufbahn aufgrund individueller und/oder externer Faktoren nicht optimal waren, nehmen signifikant weniger an Maßnahmen der Weiterbildung teil und haben auch schlechtere Voraussetzungen, um informell ihre Kompetenzen zu entwickeln und sich mit diesen auf dem Arbeitsmarkt einzubringen. Damit liegt in gesellschaftlicher und in ökonomischer Perspektive ein erhebliches Potenzial an Kompetenzressourcen brach, die im Zuge der demographischen Entwicklung und des weltweit drohenden Fachkräftemangels erschlossen werden könnten.

Aus gewerkschaftlicher Sicht ergibt sich daraus die politische Herausforderung, den Effekten, die die soziale Ungleichheit verstärken, entgegenzuwirken und Voraussetzungen dafür zu schaffen, dass allen gesellschaftlichen Gruppen gleichermaßen der Zugang zu Bildung und Ausbildung und insbesondere zu beruflicher und betrieblicher Weiterbildung gewährt wird. Es geht dabei darum, die Mechanismen, die zu sozialer Ungleichheit führen, kritisch zu hinterfragen und durch gezielte Maßnahmen eine Steigerung der Teilhabegerechtigkeit zu erreichen.

Soziale Gerechtigkeit in Bildungsprozessen und die Chancen zur Teilnahme an Bildung stellt insgesamt eine der zentralen politischen und gesellschaftlichen Herausforderungen dar. Bereits im Zusammenhang mit den bildungspolitischen Debatten in den 1960er und 1970er Jahren wurde die Forderung nach Verwirklichung von Chancengleichheit im Bildungswesen formuliert, sie stellt jedoch trotz einschlägiger Analysen und zahlreicher Reformmaßnahmen nach wie vor ein Desiderat des deutschen Bildungssystems dar. Das Problem der mangelnden Bildungsgerechtigkeit setzt sich von der frühkindlichen Erziehung über die Schule bis in alle nachgelagerten Bildungsinstitutionen und auch in die Weiterbildung fort.


Die Studie befasst sich mit folgenden Fragestellungen?

Wie ist der Stand der Forschung?

Welche (Bildungs)Berichte gibt es in dem jeweiligen Bildungsbereich, die auf Chancengleichheit Bezug nehmen?

Was sind die Kernaussagen bisheriger Studien im Hinblick auf soziale Ungleichheit?

Welche Lösungen zum Abbau sozialer Ungleichheit werden in dem jeweiligen Bildungsbereich diskutiert?

Weisen die Studien aus arbeitnehmerorientierter Perspektive Lücken auf?

Welche Forschungsfragen und welche politischen und pädagogischen Handlungsperspektiven ergeben sich?

Wie ist in den jeweiligen Bildungsbereichen Mitbestimmung/Partizipation umgesetzt und welche Möglichkeiten gibt es diese zu stärken?


Quelle: Vorwort der Studie „Soziale Ungleichheit in der beruflichen und betrieblichen Weiterbildung“, Arbeitspapier 191 der Hans-Böckler-Stiftung. Sie können die Studie auf der Homepage der Hans-Böckler-Stiftung bestellen oder kostenlos als pdf-Datei herunterladen.



Schlagworte zu diesem Beitrag: Berufliche Weiterbildung, Betriebliche Weiterbildung
Dieser Beitrag wurde zuletzt aktualisiert am 22.01.2011

Quelle: www.netzwerk-weiterbildung.info
Druckdatum: 19.07.2018