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Arbeitgeber bestimmen ökonomische Bildung

WAP: Carina, erst einmal vielen Dank, dass du dich dem Interview zur Verfügung stellst. Politische Bildung ist ohne ökonomische Kenntnisse undenkbar. Was sollten Schülerinnen und Schüler an allgemeinbildenden Schulen über die Wirtschaft lernen?

Carina Mitschke An allgemeinbildenden Schulen sollte es nicht darum gehen, betriebswirtschaftliche Theorien und mikroökonomische, d.h. einzelwirtschaftliche Perspektiven zu vermitteln bzw. einzunehmen. Vielmehr sollte im Mittelpunkt des Unterrichts der Zusammenhang zwischen Politik, Ökonomie, Gesellschaft und auch Ökologie stehen. Die SchülerInnen sollen erkennen, dass es „die Wirtschaft“ nicht gibt und sie deshalb auch nicht einfach so ist, wie sie ist, weil das schon immer so war oder sich „automatisch“ so entwickelt habe. Es muss klar werden, dass die Struktur von Märkten sowie die wirtschaftlichen Abläufe von Menschen geformt werden. Entsprechend sind diese Zustände beeinfluss- und auch veränderbar. Es geht also um einen eher makroökonomischen Blick, der nicht ohne politische und gesellschaftliche Fragen und Perspektiven eingenommen werden kann. Der Gesamtzusammenhang, in dem sich wechselseitige Abhängigkeiten zwischen Politik und Ökonomie ergeben haben soll erfahrbar werden. Dabei sollen auch Auswirkungen auf Gesellschaft und Ökologie miteinbezogen werden.


Eigentlich sollten die Schulen doch dankbar sein, wenn die Wirtschaft hier doch wohl in eine „Lücke“ springt. Wo siehst du die Probleme der aktuellen Entwicklungen?

Carina Mitschke Diese „Lücke“ entsteht ja zunächst dadurch, dass die Lehrerausbildung an den Universitäten häufig noch nicht auf ein Kombinationsfach Politik und Wirtschaft ausgerichtet ist, das plötzlich mehr ökonomische Anteile fordert als bisher. Entsprechend ist die Not bei LehrerInnen groß, geeignete Unterrichtsmaterialien zu ökonomischen Inhalten zu finden. Sie sollen möglichst gut aufbereitet sind und eine geringe Einarbeitungszeit versprechen. Und gerade auch die Umbenennung des Faches in Politik und Wirtschaft führt einerseits zu dem Eindruck, politische Bildung habe ökonomische Fragen bislang ausgespart. Andererseits öffnet sie Tore für Interessen, die eine ökonomische Bildung im Sinne der Betriebswirtschaftslehre anstreben. Schulen und LehrerInnen werden entsprechend von fleißigen Unternehmerverbänden als Multiplikatorgruppen benutzt, um eine einseitige unternehmerische Sicht auf „die Wirtschaft“ zu etablieren.


Was hältst du von einem eigenständigen Fach „Wirtschaft“?

Carina Mitschke Wie bereits erwähnt, sollte es an allgemeinbildenden Schulen nicht darum gehen, nur betriebswirtschaftliche Kenntnisse zu vermitteln. Ökonomische und politische Prozesse und deren wechselseitige Abhängigkeit sowie die gesellschaftliche und ökologische Dimension wirtschaftlicher Prozesse sollen stattdessen beleuchtet werden. Im Unterricht ist danach zu schauen, weshalb diese Zusammenhänge bestehen und ob die derzeitigen Zustände, auch aus welchen Gründen und für wen Vorteile bergen oder nachteilig sind. Es kann nicht darum gehen, SchülerInnen so auf ihr Berufsleben dergestalt vorzubereiten, dass sie zu perfekten Selbst-Unternehmern im Sinne der Employability werden. Die Idee zu einem eigenständigen Fach „Wirtschaft“ muss sich den Vorwurf gefallen lassen, politische und soziale Fragestellungen ausklammern zu wollen. Dies kann nicht das Ziel von politischer Bildung an allgemeinbildenden Schulen sein.



Du hast dich in deiner Examensarbeit mit der zentralen Rolle der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (INSM) und deren Unterrichtsmaterialien beschäftigt. Was waren die Ergebnisse deiner Recherche?

Carina Mitschke Die INSM zählt aufgrund ihres bemerkenswert hohen Jahresbudgets zu einer sehr einflussreichen Lobbygruppe. Ihre Internetplattform Wirtschaft und Schule bietet Unterrichtsmaterialien an, deren Inhalte zu Wirtschafts- und Sozialpolitik den Zielen der INSM entsprechen. Den Schülerinnen und Schülern wird der Mensch als Wirtschaftssubjekt vorgeführt, das sich Marktmechanismen anzupassen habe. Alternativlosigkeit zu Entwicklungen im Wirtschaftssektor wird vermittelt. Dadurch entsteht auch der Eindruck der Unbeeinflussbarkeit von wirtschaftlichen Prozessen und einem vermeintlichen Systemzwang. Das Material zielt darauf ab, die Schülerinnen und Schüler zu perfekten ArbeitnehmerInnen auszubilden, die sich widerstandslos ihren Platz in der Arbeitswelt suchen. Selbstorganisation wird hier großgeschrieben und fälschlicherweise als Selbstbestimmung verkauft. Die INSM nutzt die Unterrichtsmaterialien gezielt dazu, ihre neoliberal gefärbten Anliegen und Ziele zu verbreiten und mehrheitsfähig zu machen.


Wenn du Kritik an der dominanten Rolle der Wirtschaft und ihrer Verbände hast, dann hast du sicherlich auch Vorschläge für die Gewerkschaften?

Carina Mitschke Die Gewerkschaften sollten das Feld der ökonomischen und politischen Bildung nicht den Unternehmerverbänden oder arbeitgebernahen Organisationen überlassen, sondern selbst aktiv werden. Sie sollten ebenfalls den Kontakt zu den Schulen und Lehrern suchen. Dies kann durch die Herstellung eigener Unterrichtsmaterialien passieren, wie es ja auch schon in Zusammenarbeit mit der Hans-Böckler-Stiftung erfolgreich geschieht. Dabei ist es aber sehr wichtig, dem Reiz der Einseitigkeit zu widerstehen und kontroverses Material zu konzipieren. Es muss die verschiedenen Perspektiven aller Akteure einnehmen.
Auch können Fortbildungsangebote für Lehrerinnen und Lehrer angeboten werden, die aktuelle Themen, wie zum Beispiel die Wirtschafts- und Finanzkrise, aufgreifen. Außerdem könnten sie mehr Präsenz in Schulen zeigen und zielgruppenorientierte Angebote bereitstellen. Im Rahmen von Schulpraktika sollte bei Betriebsführungen auch immer eine Belegschaftsvertretung zugegen sein. So können die betrieblichen Mitbestimmungsrechte thematisiert und besprochen werden.

Vielen Dank für das Gespräch.

(Das Gespräch führten Bernd Kaßebaum und Klaus Buchholz, beide IG Metall)

Angaben zur Person

Carina Mitschke hat sich im Rahmen ihrer Examensarbeit mit dem Thema der Ökonomischen Bildung an allgemeinbildenden Schulen beschäftigt und sich hierbei insbesondere mit dem Vorgehen der Arbeitgeber und ihrer Verbände beschäftigt.

Carina Mitschke hat die Fächer Deutsch sowie Politik & Wirtschaft für das Lehramt an Gymnasien studiert und strebt nach erfolgreichem Examen nun das Referendariat an.


Quelle: WAP, Homepage der IG Metall

Schlagworte zu diesem Beitrag: Lebenslanges Lernen
Dieser Beitrag wurde zuletzt aktualisiert am 03.11.2010

Quelle: www.netzwerk-weiterbildung.info
Druckdatum: 19.11.2018