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„Selbstausbeutung und Selbstüberlistung“

biwifo: Sie forschen zu Weiterbildung in Deutschland. Was kennzeichnet aus Ihrer Sicht die Lage der dort Beschäftigten am meisten?

Gerhard Reutter: Immer mehr Kursleiter sind Honorarkräfte. Ihr Status vereinigt die Nachteile von Arbeitnehmern und Unternehmern. Stichworte sind Selbstkontrolle, -rationalisierung und -ökonomisierung. Wir haben qualitative Interviews geführt. Die Bereitschaft zur Selbstausbeutung hat immens zugenommen. Und dann lässt sich noch ein kurioses Phänomen beobachten: Die Selbstüberlistung. Alle Kursleiter beschreiben eine extreme Arbeitsverdichtung, erklären das aber als Übergangsproblem – auch wenn es keine Indizien dafür gibt, dass sich die Situation demnächst entspannt. Offenbar ist die Wahrnehmung unerträglich, dass sich nichts ändern wird.

biwifo: Bezieht sich das vorwiegend auf BA-finanzierte Kurse oder die Weiterbildung insgesamt?

Gerhard Reutter: Das lässt sich zwar fast durchgehend feststellen, aber fatalerweise am meisten in den Kursen, die von der öffentlichen Hand finanziert werden. Nicht irgendwelche bösen Kapitalisten stehen hier in vorderster Front, sondern öffentliche Auftraggeber.

biwifo: Die Anforderungen steigen, die Honorare sinken. Wird man auf Dauer gute Leute finden, die dazu bereit sind?

Gerhard Reutter: Nein. Solche Kursleiter können weder an Familiengründung denken noch andere langfristige Perspektiven entwickeln, weil sie sich ja dauernd von Maßnahme zu Maßnahme hangeln müssen und keinerlei Sicherheit haben. Viele Hochkompetente haben durchaus die Möglichkeit, anderswo unterzukommen. Deshalb sehe ich das Risiko, dass ausgerechnet die Bereiche, wo die Qualität am wichtigsten ist, zu einer Domäne der Einsteiger werden.

biwifo: Wie weit klafft das Honorarspektrum in der Weiterbildung denn auseinander?

Gerhard Reutter: Bei firmenfinanzierten Maßnahmen gibt es ein breites Spektrum – je nach Zielgruppe. Im Managementbereich können Sie auch schon mal 1600 Euro als Tagessatz verlangen. In der Volkshochschulen im Westen gibt es 25 bis 33 Euro pro Unterrichtsstunde – in den Ost-VHS liegen die Sätze zwischen 12 und 20 Euro. In den BA-Maßnahmen geht es oft noch viel weiter runter und kann im Extremfall sogar unter 7,50 Euro liegen.

biwifo: Warum wechseln dann nicht viele in die besser bezahlten Bereiche – oder gibt es eine Stigmatisierung, wenn man längere Zeit Arbeitslose unterrichtet hat?

Gerhard Reutter: Im Prinzip ist ein Wechsel möglich, die Anforderungen unterscheiden sich nicht prinzipiell. Aber es gibt hier ein anderes irritierendes Phänomen: Wer zu lange mit Verlierern arbeitet, empfindet sich selbst irgendwann als Verlierer. So habe ich beobachtet, dass ausgerechnet Ausbilder von benachteiligten Jugendlichen, an die ja die höchsten Anforderungen bezüglich pädagogischer Kompetenz gestellt werden, die Ausbilder in Betrieben höher bewerten als sich selbst. Hier gibt es eine Selbststigmatisierung.

biwifo: Glauben Sie unter diesen Voraussetzungen, dass die BA-Weiterbildung zukunftsfähig ist?

Gerhard Reutter: Nein. Denn hinzu kommt, dass die BA zum Teil Anforderungen stellt, die inkompatibel sind. Die Kursleiter sollen teilnehmerorientiert arbeiten, und zugleich haben sie eine Selektionsfunktion für die Agentur, indem sie zum Beispiel Profiling machen – also Arbeitslose als marktnah oder -fern einsortieren. Das steht in direktem Widerspruch zu ihrem pädagogischen Anspruch.

biwifo: Bitte geben Sie eine Prognose: Wie sieht die Zukunft der Weiterbildung in Deutschland aus?

Gerhard Reutter: Ich weiß nicht, ob die neue Regierung die Diskrepanz zwischen den Sonntagsreden, in denen die Bedeutung des lebenslangen Lernens immer betont wird, und der realen Situation verkleinert. Ich bin da skeptisch. Ich glaube, die Lösung kann nur darin liegen, dass die kollektive Interessenvertretung der Honorarkräfte gestärkt wird. Ich beobachte aber mit Erschrecken bei den jüngeren Kursleitern, dass sie ihre Überlastung nicht auf die Strukturen zurückführen, sondern auf eigenes Unvermögen. Für viele ist die „Fürsorgepflicht des Arbeitgebers“ ein Fremdwort.

biwifo: Was kann man daran ändern?

Gerhard Reutter: Nach den Erfahrungen im PC-Bereich, wo der Organisationsgrad ja nach den Krisenerlebnissen auch zugenommen hat, bin ich nicht ganz pessimistisch. Die Gewerkschaften müssen hier mehr tun. Sie haben sich oft zu sehr auf die konzentriert, die fest drin sind – während die Honorarkräfte oft eine Randexistenz führen.


Interview: Annette Jensen

Gerhard Reutter ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Deutschen Institut für Erwachsenenbildung in Bonn


Quelle: biwifo report 3/2009


Sie können die vollständige Ausgabe des biwifo report hier als pdf-Datei herunterladen.

Verweise zu diesem Artikel:
Schlagworte zu diesem Beitrag: Weiterbildung, Freiberufler/Selbstständige, Honorar
Dieser Beitrag wurde zuletzt aktualisiert am 02.12.2009

Quelle: www.netzwerk-weiterbildung.info
Druckdatum: 20.09.2019