Zurück zur Übersicht

Kurzzeitqualifizierung hilft wenig

Die verbesserte Konjunkturlage führte seit letztem Jahr zu einer verstärkten Arbeitskräftenachfrage. Doch kaum hatte sich nach mehreren Jahren wirtschaftlicher Stagnation die Konjunktur wieder etwas belebt, schon wurden Klagen von Unternehmen und Unternehmensverbänden über fehlende Fachkräfte laut. So berichtete die Industrie- und Handelskammer des Saarlandes bereits im Januar 2007 darüber, dass nach einer Unternehmensbefragung viele Betriebe Schwierigkeiten bei der Suche nach geeigneten Fachkräften hätten. Am stärksten betroffen sei der Bereich der unternehmensorientierten Dienstleistungen. Insbesondere im IT-Bereich gäbe es Probleme bei der Besetzung offener Stellen. Auch bei Ingenieuren bestünden große Engpässe. Viele Facharbeiterstellen in der Industrie könnten ebenfalls nur schwer besetzt werden. Auch die Agentur für Arbeit Saarbrücken beklagt inzwischen den Mangel an geeignetem Personal, der in einigen Berufen feststellbar sei. Andererseits gehe der Aufschwung an den meisten Langzeitarbeitslosen vorbei.

Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung der Bundesagentur für Arbeit (IAB) sieht in Deutschland keinen flächendeckenden Fachkräftemangel. Die aktuellen Personalrekrutierungsprobleme habe die Wirtschaft zudem durch unzureichende Aus- und Weiterbildung in der Vergangenheit mit verursacht. Im Ingenieursbereich gebe es nach wie vor arbeitslose Männer und Frauen, die aber häufig nicht dem idealen Mitarbeiterprofil der Personalverantwortlichen entsprächen.

Durch die wirtschaftliche Belebung und den damit einhergehenden Fachkräftebedarf hat die Thematik Weiterbildung in den letzten Monaten wieder an Aufmerksamkeit gewonnen. Es geht dabei einerseits um die kontinuierliche betriebliche Weiterbildung der Beschäftigten und anderseits um die Weiterbildung Arbeitsloser. Im Zuge der Hartz-Reformen hatte man noch die Weiterbildung Arbeitsloser als wenig erfolgversprechend eingestuft. Stattdessen beabsichtigte man mit Personal-Service-Agenturen und anderen vermittlungsorientierten Instrumenten Erfolge am Arbeitsmarkt zu erzielen. Die praktischen Ergebnisse dieser Instrumente, wie sie durch die Evaluationsforschung dokumentiert werden, haben zu einer gewissen Ernüchterung hinsichtlich ihrer Erfolgsaussichten geführt. Im Gegensatz dazu wurde die Förderung der beruflichen Weiterbildung durch die Evaluationsforschung inzwischen wieder rehabilitiert.

So wirke sich die Teilnahme an Weiterbildungskursen bei Betrachtung der längerfristigen Eingliederungsperspektive positiv auf die Beschäftigungschancen Arbeitsloser aus. Auch eine aktuelle Studie des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB) kommt zu dem Ergebnis, dass Weiterbildung besser als ihr Ruf sei. Viele Abschlüsse und Zertifikate der Weiterbildung würden die Nachfrage der Arbeitswelt punktgenau bedienen (Bernd Käpplinger: „Abschlüsse und Zertifikate in der Weiterbildung“. Bielefeld 2007). Der Verwaltungsrat der Bundesagentur für Arbeit plädierte angesichts des drohenden Fachkräftemangels Mitte des Jahres denn auch für eine Qualifizierungsoffensive.

Im Rahmen der Hartz-Reformen wurde die Förderung der beruflichen Weiterbildung durch die Arbeitsagenturen deutlich reduziert. Vor der Reform 2002 gab es im Saarland noch rund 5.800 Weiterbildungseintritte. Dies war bereits deutlich weniger als noch in den 90er Jahren. 2004 zählte man landesweit nur noch knapp 2.200 Zugänge in Weiterbildungskursen. Gleichzeitig ging man dazu über, überwiegend auf kurzlaufende Weiterbildungsmaßnahmen zu setzen. Die Verringerung des Finanzmitteleinsatzes war dabei ein vorrangiges Ziel.


Kaum Angebote für Ältere ab 50 Jahren

Benachteiligte Personengruppen wie Ältere ab 50 Jahren wurden zunehmend von geförderten Weiterbildungsmaßnahmen ausgeschlossen. So nahmen 2005 nur noch jahresdurchschnittlich 75 Ältere an Weiterbildung teil. Gleichzeitig waren 13.300 Ältere ab 50 Jahren im Saarland arbeitslos gemeldet. Der Vergleich der beiden Zahlen verdeutlicht, wie weit man von einer Förderung der Erwerbstätigkeit bis zum 67. Lebensjahr entfernt ist.

Gemessen an der Zahl der Maßnahmeeintritte im Jahr 2006 könnte man im Saarland eine Wende in der Weiterbildungspolitik vermuten. Die saarländischen Agenturen für Arbeit und Argen registrierten 6.000 Eintritte in Weiterbildung davon 4.400 im Bereich des SGB II. Insgesamt lag man somit sogar über dem
Niveau von 2002. Da inzwischen aber vorzugsweise Kurzzeitmaßnahmen gefördert werden, ergibt sich beim Vergleich von Bestandsdaten ein ganz anderes Bild.

Im September 2006 befanden sich nach Daten der Bundesagentur im Saarland 2.500 Männer und Frauen in Weiterbildung, lediglich 439 von ihnen strebten einen Abschluss in einem anerkannten Ausbildungsberuf wie z.B. dem des Altenpflegers an. Vor der Hartz-Reform im September 2002 lag der Teilnehmerbestand in Weiterbildung noch über 4.000, knapp die Hälfte von ihnen hatten einen anerkannten Abschluss zum Ziel. Dies zeigt, dass Umschulungen und längerfristige Weiterbildungskurse, die bessere Integrationschancen in den Arbeitsmarkt bieten, derzeit kaum noch angeboten
werden.


Längerfristige Förderung wäre besser für Integration

Bundesweit lag die Weiterbildungsdauer der geförderten Weiterbildungseintritte 2006 in 43 Prozent der Fälle unter 3 Monaten. Lediglich in 23 Prozent der Fälle wurden Kurse ab 6 Monaten Dauer angeboten. Im Jahr 2002 hatten noch 59 Prozent der Bildungseintritte eine Länge von sechs und mehr Monaten gehabt. Weiterbildungsangebote werden somit auf kurze Lehrgänge konzentriert. Dies trifft auch auf die Förderung im Saarland zu. Da die Mehrzahl der Teilnehmenden aus dem Bereich des SGB II („Hartz IV“) kommt, erscheint es mehr als fraglich, ob in Kurzzeitmaßnahmen die nötige Qualifizierung für ein dauerhaftes Beschäftigungsverhältnis erreicht werden kann. Bei den Argen bzw. der Optionskommune St. Wendel stehen dabei eine knappe Finanzmittelausstattung und die politische Zielvorgabe, möglichst viele Personen zu fördern, im Konflikt zueinander.

Übergreifend stellt sich die Frage, ob es im Sinne einer längerfristig orientierten Fachkräfteentwicklung der richtige Weg ist, die Arbeitsmarktpolitik vornehmlich durch quantitative Vorgaben zu steuern. Zudem dürften Umschulungen und längere Fortbildungsmaßnahmen zur Verbesserung des längerfristigen Arbeitskräftepotenzials nach wie vor notwendig sein.


Quelle:
Wolfgang Dincher, Arbeitskammer des Saarlands


Dieser Beitrag wurde zuletzt aktualisiert am 27.09.2007

Quelle: www.netzwerk-weiterbildung.info
Druckdatum: 04.08.2020