Grundsätzliches zur Weiterbildung

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Anspruch und Wirklichkeit des Weiterbildungsverhaltens älterer Menschen in Deutschland

Bildung bis ins hohe Alter?

Immer dann, wenn es um Programme zur Bewältigung der Auswirkungen des demo-grafischen Wandels auf die deutsche Gesellschaft geht, wird Bildung älterer Menschen zu einem Thema der Politik und der Bildungsplanung. Und dies geschieht in jüngster Zeit immer häufiger. Auch der Koalitionsvertrag von CDU/CSU und FDP für die 17. Legislaturperiode des Bundestages enthält bildungsrelevante Aussagen, die sich auf Menschen in der späten Erwerbsphase oder in der Nacherwerbsphase beziehen. So heißt es an einer Stelle ausdrücklich: „Wir streben eine Erhöhung der Erwerbsbeteiligung vor allem von Älteren und Frauen an und ermutigen zu mehr Bildungs- und Weiterbildungsanstrengungen“ (Koalitionsvertrag 2009, S. 15). Und an anderer Stelle: „(…) gemeinsam mit starken Partnern aus Bund und Ländern (...) sowie den Seniorenorganisationen werden wir neue Bildungschancen und -anreize für Ältere schaffen“ (ebd., S. 65). Inwiefern diese Absichten durch die Politik umgesetzt werden, wird sich erst noch erweisen. Doch die hier formulierten Absichten deuten auf gesellschaftliche Problemlagen hin: geringe Erwerbsbeteiligung und fehlende Bildungschancen Älterer. Vor dem Hintergrund dieser programmatischen Aussagen der Politik wird im Folgenden das Weiterbildungsverhalten älterer Menschen beleuchtet und ein entsprechender Handlungs-bedarf skizziert.


Im höheren Alter bestehen erhebliche Bildungsbedarfe und Bildungspotenziale

Bereits die Rede von der „Bildung älterer Menschen“ wirft Fragen auf, die auf die Komplexität des Themas verweisen. So bleibt zunächst einmal zu klären, wer die Älteren sind und um welche Bildungsangebote es sich dabei handeln soll. Eine gängige Definition für die Zugehörigkeit zur Gruppe der Älteren ist das Lebensalter ab 50. Doch die Antwort auf die Frage, wann der Mensch als alt gilt oder ab wann er sich selbst alt fühlt, basiert im Wesentlichen auf gesellschaftlichen Konventionen, die sich historisch entwickelt haben und weiter verändern (Kruse 2008). So differenziert die Altersforschung zwischen kalendarischem, biologisch-medizinischem und psycho-sozialem Alter und betont die individuellen Unterschiede in Bezug auf Aktivität und soziale Partizipation älterer Menschen.

Ältere Menschen konstituieren auch unter dem Blickwinkel Bildung keine homogene Gruppe. Es ist daher schwierig, von der Alten- oder Altersbildung zu sprechen. Dennoch lassen sich gemeinsame Bildungsbedarfe in bestimmten Lebensphasen und bei bestimmten Alterskohorten feststellen:
  • Weiterbildung ist Bestandteil der Förderung der Partizipation Älterer an der Arbeitswelt.

  • Weiterbildung unterstützt soziale und politische Teilhabe in der nachberuflichen Lebensphase.

  • Weiterbildung steht im Kontext von typischen Entwicklungsaufgaben und Alltagsproblemen im Alter.

Die Weiterbildung, verstanden als alle Entwicklungsphasen des Einzelnen begleitendes Lernen, kann einen Beitrag zur individuellen und gesellschaftlichen Gestaltung des Alterns leisten. Allerdings ist sie nicht in der Lage, die mit dem Altern verbundenen sozialen Probleme unmittelbar zu lösen. Im Fünften Bericht der Bundesregierung zur Lage der älteren Generationen wird formuliert: „Zwischen einer stärkeren Nutzung der Potenziale älterer Menschen in der nachberuflichen Lebensphase und der Teilnahme an Weiterbildung besteht ein starker Zusammenhang“ (BMFSFJ 2005, S. 344).

Grundsätzlich kann bei älteren Menschen von fortbestehenden Lern- und Leistungs-potenzialen ausgegangen werden. Ergebnisse der neuropsychologischen Forschung zeigen, dass Lernen im Alter die individuelle geistige Aktivität fördern, das Wissen aktualisieren, die Reflexivität des Handelns steigern und Kommunikation in sozialen Kontakten verbessern kann (Lindenberger 2000, Scheich 2006). Gleichzeitig hat Bildung im Alter wichtige gesellschaftliche Funktionen, da sie zum Wissens- und Erfahrungstransfer zwischen den Generationen beiträgt. Allerdings kann Bildung diese Funktionen nur dann erfüllen, wenn der ältere Mensch lernaktiv ist. Daher soll zunächst auf der Grundlage vorliegender Statistiken ein Blick auf die Weiterbildungsbeteiligung Älterer geworfen werden.


Das höhere Alter führt im Zusammenhang mit sozialen Einflussfaktoren zur geringen Weiterbildungsbeteiligung

Die Weiterbildungsteilnahme wird in Deutschland seit 1979 durch das Berichtssystem Weiterbildung (BSW) ermittelt. Es zeigt regelmäßig eine geringere Weiterbildungsbeteiligung der höheren Altersgruppen im Vergleich zu den jüngeren (Rosenbladt/Bilger 2008, S. 227). Dieser Trend bestätigt sich auch in den Ergebnissen des „Adult Education Survey“ (AES), das zurzeit die aktuelle Datenquelle darstellt. Der Rückgang der Bildungsaktivität (d.h. der Teilnahme an regulärer und formaler Weiterbildung) ist bereits bei der Altersgruppe der über 45-Jährigen deutlich bemerkbar: Hier sank die Teilnahmequote auf 44 Prozent. Bei den 55-Jährigen liegt die Beteiligung an Weiterbildung bei 27 Prozent und bei den 65- bis 80-Jährigen bei 13 Prozent (ebd., S. 134).

Mit Blick auf die vorliegenden Statistiken wird deutlich, dass das Lebensalter zwar einen wichtigen Einfluss auf die Weiterbildungsbeteiligung hat, dieser jedoch stets im Zusammenhang mit anderen Faktoren zu sehen ist (IAB 2007, S. 4). So ist u.a. eine abnehmende Teilnahme Älterer an Veranstaltungen der beruflichen und betrieblichen Bildung zu verzeichnen (Rosenbladt/Bilger 2008, S. 57). Dieser Trend wird auch durch Ergebnisse aus Betriebs- bzw. Unternehmensbefragungen wie z.B. „CVTS“ (Moraal u.a. 2009, S. 9) oder aus dem Betriebspanel des Instituts für Arbeitsmarkt und Berufsforschung (IAB 2007) bestätigt. Ein weiterer Einflussfaktor ist der Bildungshintergrund. Personen mit höherem Bildungs- und/oder Berufsabschluss nehmen doppelt so häufig an Weiterbildung teil wie Personen mit geringem Bildungsabschluss bzw. ohne Ausbildung (Rosenbladt/Bilger 2008, S. 154). Die Münchner EdAge-Studie zum Weiterbildungsverhalten Älterer (Tippelt u.a. 2009, S. 40) resümiert, dass die Teilnahme jüngerer Menschen an der beruflichen Weiterbildung 1,7 Mal häufiger ist als die älterer. Im Umkehrschluss gilt, dass Menschen mit geringem Schulabschluss und niedriger beruflicher Stellung seltener an Weiterbildung teilnehmen (ebd., S. 57). Ab einem Alter von über 55 Jahren nehmen Menschen mit niedrigem Bildungshintergrund dann nur noch selten an Weiterbildung teil. Und mit dem 65. Lebensjahr werden die Auswirkungen des Lebensalters auf die Bildungsaktivität dann noch einmal deutlicher.

Die zitierten Studien berücksichtigen auch Formen des informellen bzw. selbsttätigen Lernens. Beim Selbstlernen gehen die Aktivitäten Älterer zwar auch zurück, doch bleibt die Bedeutung dieser Lernform bei den 65- bis 80-Jährigen im Vergleich zu jüngeren Menschen relativ hoch (Rosenbladt/Bilger 2008, S. 134).

Wenn es darum geht, den gesellschaftlichen wie den individuellen Herausforderungen des Lernens im Alter gewachsen zu sein, so muss die Weiterbildungsbeteiligung älterer Menschen als bisher nicht ausreichend bezeichnet werden. Offensichtlich gibt es „bildungsferne“ und „bildungsbenachteiligte“ Gruppen. Problematisch ist in diesem Zusammenhang zudem, dass es nur wenige auf diese Gruppen ausgerichtete Angebote gibt (Friebe 2009).


Handlungserfordernisse für die Weiterbildung im höheren Lebensalter

Die Bedeutung von Bildung für die gesellschaftliche Bewältigung des demografischen Wandels wird zwar allerorts betont, doch konkrete Programme zur Verbesserung der Bildungsbeteiligung Älterer sind bisher nicht in Sicht. Der Rückgang der Bildungsteilnahme beginnt, wie gezeigt, bereits in der späten Erwerbsphase und setzt sich in der Altersphase fort. Die vorliegenden Daten belegen, dass bei der Mehrzahl der Älteren dieser Trend nicht durch andere Bildungsaktivitäten kompensiert werden kann. Besonders problematisch ist dies für Personengruppen mit geringen Weiterbildungserfahrungen (Tippelt u.a. 2009, S. 49). Strategien des „aktiven Alterns“ (WHO 2002) werden sich aber ohne eine Erhöhung der Bildungsbeteiligung aller Bevölkerungsgruppen nicht realisieren lassen.

Soll die Lernaktivität Älterer gesteigert werden bedarf es einer bildungspolitischen Handlungsstrategie. Dazu muss vor allem ein finanzpolitischer Rahmen geschaffen werden, der sowohl eine altersrelevante Forschung wie auch barrierefreie Bildungsangebote für Ältere ermöglicht. In Anbetracht der Herausforderungen des demografischen Wandels stellen die zu Beginn vorgestellten Absichtserklärungen des Koalitionsvertrags nur einen ersten Schritt dar, der jedoch noch kein klares Handlungskonzept erkennen lässt. Bildungsanstrengungen zu ermutigen und Lernanreize zu schaffen (Koalitionsvertrag 2009), kann zwar Teil einer Bildungsstrategie für Ältere sein, doch müssen diese Aspekte in eine weiter reichende Strategie eingebettet werden.

Weiterbildungsforschung und -organisationen werden ihre Aufgaben im demografischen Wandel unserer Gesellschaft nur dann erfüllen können, wenn sie in die Lage versetzt werden, an der Beantwortung folgender Fragen zu arbeiten:


Welche Bildungsinteressen haben Ältere?

Ein Fazit der EdAge-Studie (Tippelt u.a. 2009, S. 159) war, dass wir bisher nur wenig über die Bildungsinteressen der unterschiedlichen Gruppen älterer Menschen wissen (z.B. über das Bildungsverhalten von Frauen und Männern, von Migrantinnen und Migranten oder von Stadt- und Landbewohnern). Insbesondere befassen sich nur wenige Studien mit Nichtteilnehmenden an Weiterbildung. So sind z.B. die Rolle früherer Bildungserfahrungen, die subjektive Beurteilung von Fähigkeiten bzw. des Gesundheitszustandes und die Bedeutung von sozialen Netzen für das Bildungsverhalten bisher nicht ausreichend geklärt.


Wie kann eine Didaktik für Menschen im höheren Lebensalter aussehen?

Es liegen zwar zahlreiche Ergebnisse aus der Psychologie und den Neurowissenschaften zum Lernen im Alter vor, doch können diese nur unzureichend in der Erwachsenenbildung umgesetzt werden. Altengerechtes Lernen berücksichtigt die Bedeutung des Zeitfaktors, die Sinnhaftigkeit des Lerninhaltes sowie die Rolle von Störfaktoren für das Lernen im Alter. Ältere Menschen lernen besser, wenn sie an Bekanntes anknüpfen können, wenn sie den Wert des Lernens sehen und wenn der Kontakt zu Dozent/inn/en und Lernpartner/inne/n für sie „angenehm“ ist. Damit sind einige Grundlagen für eine „alterssensible Didaktik“ (Nuissl 2009) angesprochen, die neue Bildungswege und Angebotsthemen für Ältere eröffnen könnten.


Wie sieht eine verbesserte Angebotsstruktur der Weiterbildung für Ältere aus?

Bildungsangebote können sowohl altersspezifischen als auch intergenerationellen Charakter haben. Weiterbildungen im Bereich der Freizeitgestaltung oder der Gesundheitsförderung werden sich oft speziell an ältere Menschen richten, während andere, z.B. im Bereich des Sprachenlernens oder der politischen Bildung, häufig generationsübergreifend genutzt werden. Defizite existieren noch immer bei der Information und Beratung älterer Menschen über Bildungsangebote. Insbesondere für bildungsferne Menschen müssen Formen der wohnortnahen und vernetzten Bildung entwickelt werden.

Um also die von Politik apostrophierten „neuen Bildungschancen und -anreize für Ältere“ schaffen zu können, ist eine nachhaltige Ausweitung und Verbesserung der Angebote für (Weiter)Bildung im höheren Lebensalter geboten. Allerdings fehlt es bisher nicht nur an einer adäquaten Angebotsstruktur, sondern auch an einem systematischen Ansatz der „Professionalisierung der Bildung Älterer“ (Nuissl 2009, S. 100), der dafür Sorge trägt, dass Lernangebote alterssensibel entwickelt und durch qualifizierte Dozent/inn/en umgesetzt werden können. Hier eröffnen sich für alle beteiligten Akteure neue Herausforderungen.


Quelle: Jens Friebe, Bildung bis ins hohe Alter?
Anspruch und Wirklichkeit des Weiterbildungsverhaltens älterer Menschen in Deutschland
DIE Fakten, Dezember 2009,

Sie können die Ausgabe der DIE Fakten mit Literaturhinweisen auf der Homepage des Deutschen Institut für Erwachsenenbildung als pdf-Datei herunterladen.


Schlagworte zu diesem Beitrag: Ältere Beschäftigte, Lebenslanges Lernen
Dieser Beitrag wurde zuletzt aktualisiert am 13.01.2010

Quelle: www.netzwerk-weiterbildung.info
Druckdatum: 17.07.2018